Gastbeitrag
Die Krise als Weckruf für Asien

China und die anderen Schwellenländer des Ostens brauchen ein neues Mantra. Ihre ökonomische Kraft ist zu stark vom Export abhängig. Das muss sich ändern. Nur mit einem stärkeren Binnenkonsum können sie zum Motor der Weltwirtschaft werden. Ein Plädoyer für ein neues Wachstumsmodell.
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In der wachstumsschwachen Welt nach der Krise, so glauben viele, geht die wirtschaftliche Führung vom Westen an den Osten über. Der Anbruch des asiatischen Jahrhunderts gilt als sicher. Wie ich in meinem Buch "The Next Asia" darlege, hat diese Verlagerung aber noch nicht begonnen. Doch vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise ist es ein Hoffnungsschimmer, dass sie wohl eher früher als später kommt. Wichtig ist aber, dass die Länder im Osten den Weckruf hören und ihre Volkswirtschaften umsteuern vom Export auf den Konsum.

Der Optimismus mit dem Blick auf Asien ist bis zu einem gewissen Grad verständlich. Zunächst beeindruckt die Kraft des asiatischen Wirtschaftswachstums. Die Schwellenländer Asiens legten von 2001 bis 1008 jährlich im Durchschnitt um 8,3 Prozent zu, das ist ungefähr dreimal so viel wie der Rest der Welt mit Raten von um die 2,8 Prozent. Anders gerechnet: Die außerordentliche Dynamik dieser Schwellenregion hat in den vergangenen acht Jahren allein für eine Erhöhung des weltweiten Wachstums um 1,2 Prozentpunkte pro Jahr gesorgt.

Aber dabei gibt es einen kritischen Punkt: Im selben Zeitraum hat Asien immer mehr für andere Regionen produziert. Der Exportanteil der Schwellenländer dort ist in den letzten zehn Jahren von 35 Prozent auf über 45 Prozent gewachsen, während der Anteil, der auf den privaten Binnenkonsum entfiel, 2008 auf ein Rekordtief von 45 Prozent sank. Deswegen fehlt der Region eine wichtige Voraussetzung dafür, eine eigenständige ökonomische Führungsrolle zu übernehmen: eine Wirtschaft, die mehr und mehr vom Binnenmarkt lebt statt von externer Nachfrage.

Träume von asiatisch geprägter Weltwirtschaft reines Wunschdenken

Kurz gesagt: Da zeichnet sich kein neuer, aus eigener Kraft laufender Motor der Weltwirtschaft ab. Wie die Zusammensetzung des Bruttoinlandsprodukts in der asiatischen Schwellenregion zeigt, wurde das außerordentliche Wachstum vor allem vom Export getragen und von den damit zusammenhängenden Investitionen in Infrastruktur und Produktionskapazitäten, nicht aber vom privaten Konsum. Bisher sind die Träume von einer asiatisch geprägten Weltwirtschaft daher reines Wunschdenken.

Die Rückschläge im Laufe der gegenwärtigen globalen Krise bestätigen diese kritischen Überlegungen. Durch den ökonomischen Schock, den die USA in den Schwellenregionen ausgelöst haben, ist jede asiatische Volkswirtschaft sofort entweder in die Rezession gerutscht oder zumindest hart gebremst worden. Die immer mehr gestiegene Abhängigkeit der Region von anderen Ländern hat unausweichlich dazu geführt. Der asiatische Verbraucher war - trotz allen Hypes um die Region - nicht in der Lage, diese Schwäche aufzufangen.

Die gute Nachricht ist, dass sich die Region nun offenbar erholt. Die schlechte Nachricht bleibt die fragwürdige Qualität dieser Erholung: Sie könnte sich sehr gut auch als eine falsche Morgenröte erweisen. Denn sie wird vor allem von einem beispiellosen, von Krediten getriebenen Investitionsboom in China angeheizt. Anlageninvestitionen erreichten dort im ersten Halbjahr 2009 einen Anteil von 88 Prozent des Wirtschaftswachstums, das ist mehr als das Doppelte des Durchschnitts der vergangenen zehn Jahre. Sie wurden durch sieben Billionen Yuan (rund 700 Milliarden Euro) an neuen Krediten finanziert - das war der größte Sprung nach oben, der je verzeichnet wurde. Investitionen erreichen so einen Anteil von 45 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - eine Quote, die es in keiner größeren modernen Volkswirtschaft jemals gegeben hat.

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