Gastbeitrag
Lang und hässlich

Bis vor kurzem haben die meisten Analysten an der Wall Street noch bestritten, dass der US-Wirtschaft eine Rezession bevorsteht. Ganz zu schweigen von einer ernsten und langen Abschwungphase. Doch nun ist klar: Die Rezession wird in diesem Jahr tiefe Spuren in der amerikanischen Wirtschaft hinterlassen.
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Leo Tolstoi, der große russische Schriftsteller, hat einmal bemerkt, dass, während alle glücklichen Familien sich ähnelten, jede unglückliche Familie auf ihre eigene Weise unglücklich sei. Er hätte ebenso gut über das Unglück amerikanischer Rezessionen räsonieren können. Bedauerlicherweise hätte er wohl beobachtet, dass die Rezession, in welche die amerikanische Wirtschaft jetzt eintritt, alle Zutaten dafür hat, zu den unglücklichsten überhaupt zu zählen.

Bis vor kurzem haben die meisten Analysten an der Wall Street noch bestritten, dass der US-Wirtschaft eine Rezession bevorsteht. Ganz zu schweigen von einer ernsten und langen Abschwungphase. Optimistisch wie immer haben sie weggeschaut, als die schlimmste Immobilienkrise in den USA in der Nachkriegszeit ausbrach. Sie haben sowohl das Ausmaß der durch die Subprime-Krise ausgelösten Kreditklemme unterschätzt, die das Bankensystem seit Mitte 2007 erfasst hat, als auch die annähernde Verdoppelung des Ölpreises auf 90 Dollar pro Barrel im Schnitt.

Jetzt, wo fast alle ökonomisch relevanten Indikatoren eine Rezession anzeigen - von den rapide sinkenden Immobilienpreisen bis zu den ins Bodenlose gefallenen Weihnachtsumsätzen, von sinkenden Beschäftigungzahlen bis zu den abrupt verschärften Darlehensstandards der Banken -, gestehen die Wall-Street-Analysten widerstrebend ein, dass die USA im ersten Halbjahr 2008 eine Rezession erleben könnten.

Jedoch sind alle schnell mit der Versicherung zur Stelle, dass diese Rezession kurz und flach bleiben werde. Dem Abschwung im ersten Halbjahr werde eine frühe und kräftige Belebung der Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte folgen. Bei dieser Prognose setzen die Analysten große Hoffnungen in die von der US-Notenbank vollzogenen Zinssenkungen und in das Konjunkturpaket über 168 Milliarden Dollar, das in der vergangenen Woche verabschiedet worden ist.

Es wäre nur allzu schön, wenn die Wall-Street-Analysten dieses Mal mit ihrer zuversichtlichen Einschätzung recht behielten. Die traurige Wahrheit jedoch ist, dass alle Anzeichen genau in die entgegengesetzte Richtung deuten. Denn die derzeitige Rezession wird von drei unterschiedlichen Faktoren angetrieben: hohen Ölpreisen, einer ernsten Kreditklemme und dem Platzen einer großen Immobilienblase. Sie allein hat schon ausgereicht, um in den Jahren 1981, 1990 und 2001 Rezessionen auszulösen. Die Annahme scheint angemessen, dass wir uns nun, da all diese Faktoren gemeinsam wirksam werden, auf eine weitaus schmerzlichere Rezession einstellen müssen. Sie dürfte zudem länger anhalten als jene neun Monate, die eine durchschnittliche Rezession in den USA in der Nachkriegszeit dauerte.

Steven Roach von Morgan Stanley hat völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass die Turbulenzen auf dem US-Immobilienmarkt einen weitaus größeren Teil der US-Wirtschaft erfassen, als es beim Platzen der Dotcom-Blase der Fall war, welche die Rezession 2001 auslöste. Schließlich macht der Immobiliensektor mit allen daran beteiligten Branchen gut zehn Prozent der US-Wirtschaft aus. Das ist ein wesentlich größerer Anteil als alle Technologieinvestitionen zusammen. Alles spricht dafür, dass US-Immobilienpreise landesübergreifend unter dem Gewicht von Rekordbeständen an unverkauften Häusern, angesichts der Korrektur von Hypothekendarlehen mit variablen Zinsen und einer markanten Verschärfung der Kreditbedingungen mindestens um weitere zehn Prozent im Jahr 2008 nachgeben werden. Diese Fakten allein machen die Annahme plausibel, dass die derzeitige Rezession schärfer ausfallen wird als die von 2001.

Dazu kommt, dass die Kreditverknappung, die wir gerade erleben, die Wirtschaft weitaus mehr schädigt, als die Savings-and-loan-Krise Mitte der achtziger Jahre. Während die Kreditprobleme sich in den Achtzigern im Großen und Ganzen auf den Savings-and-loan-Sektor beschränkten, scheinen die heutigen Probleme viel größere Wellen zu schlagen. Sie gehen zumindest weit über die ungeheuerlichen Fehlentscheidungen bei der Vergabe von Hypothekendarlehen hinaus. Dieser Punkt wird von Schätzungen an der Wall Street untermauert, dass die Verluste der Banken aus notleidenden Krediten irgendwo in einer Größenordnung zwischen 500 Milliarden und einer Billion US-Dollar angesiedelt werden müssen. Das ist ein Vielfaches jener Abschreibungen, die während der Savings-and-loan-Krise angefallen sind.

Die Optimisten hoffen, dass die Zinssenkungen durch die Federal Reserve um zweieinhalb Prozentpunkte in den vergangenen Monaten zusammen mit dem jüngst angekündigten Konjunkturpaket der US-Regierung die Wirtschaft bald wieder drehen könnten. Allerdings blenden sie dabei aus, dass die Zinsen nach dem Platzen der Technologieblase im Jahr 2001 um fünfeinhalb Prozentpunkte gesenkt werden mussten, bevor die US-Wirtschaft auf Erholungskurs einschwenkte. Sie haben auch übersehen, wie angeschlagen das Bankensystem heute ist. Sein labiler Zustand wird sehr wahrscheinlich den stimulierenden Effekt von Zinssenkungen stark dämpfen.

Die gute Nachricht ist allerdings, das sowohl die Regierung als auch die Notenbank, zwar spät, aber nicht zu spät, den Ernst der Lage erkannt haben. Das zumindest kann man aus dem Konjunkturpaket und der aggressiven Zinssenkung ableiten. Das gibt zur Hoffnung Anlass, dass beide alles daransetzen, damit die US-Wirtschaft nicht in jenen Teufelskreis abgleitet, der die japanische Wirtschaft im Verlauf der 90er-Jahre erfasste, nachdem dort in den späten Achtzigern die Blase der Vermögenswerte geplatzt war. Allerdings legen die wiederholten Erfahrungen mit der verzögerten Wirkung der Geld- und Fiskalpolitik auf die Realwirtschaft einen Schluss nahe: Alle Erwartungen, die Politik könne in diesem Stadium eine hässliche Rezession im Jahr 2008 noch verhindern, sind fehl am Platz.

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