Gastbeitrag
Monetäre und realwirtschaftliche Betrachtungen zur US-Bankenkrise

In den USA konnten in einem weitgehend unregulierten Umfeld Banken und Hedge Fonds über Jahre ein Potjemkinsches Monopoly organisieren, das jenseits objektiver Gegebenheiten den internationalen Investoren hohe Renditeaussichten versprach und damit 2/3 der globalen Ersparnisüberschüsse – außerhalb der USA – Richtung Wall Street lockten: Die USA konnten ungewöhnlich hohe Nettokapitalimporte verzeichnen, das Spiegelbild ist das riesige Leistungsbilanzdefizit der USA.
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Seit dem 15. September 2008, als Lehman Brothers Richtung Chapter 11 ging, ist die Illusionsmaschine der Investment Banker entzaubert, wobei hierzu auch Banken aus Europa beigetragen haben; allen voran die Schweizer UBS, deren Management auf Ratschläge und Warnungen ihrer eigenen Volkswirte nicht hören wollte. Während man beim Bau von Flugzeugen oder PKWs sorgfältig geprüfte und getestete Einzelteile zu einem zuverlässigen Stück Technik mit langjährigem Nutzen zusammenbaut, haben große Teile der US-Finanzindustrie immer wieder neue Produkte ungeprüfter und dabei bisweilen guter, aber oft miserabler Qualität auf den Markt gebracht. Die großen Rating-Agenturen brauchten nur ein A-Rating an irgendwelche Finanzprodukte dranzuhängen und schon verkauften die Banken finanzielle Produktinnovationen an leichtgläubige Anleger – und auch an naive Investmentbanker.

In den USA geben nichtüberwachte Rating-Agenturen fragwürdige Qualitätsratings an effektiv kaum überwachte Banken, die einen Teil ihre finanziellen Zitronenprodukte dann weltweit in den Kapitalmärkten unter falscher A-Flagge verkaufen. Wenn das Finanzglobalisierung sein soll, dann sollte man es lieber bleiben lassen, denn die Kosten für derlei fragwürdige und z.T. wohl auch kriminelle Geschäftspraktiken sind für die USA und die Weltwirtschaft sehr hoch. Es gibt einem schon zu denken, dass wenige Jahre nach dem Enron-Skandal und dem Worldcom-Desaster und den New Economy-Prozessen in den USA schon wieder die Staatsanwälte aus New York bzw. diversen Bundesstaaten mit Banken über Schuldanerkenntisse und Vergleiche verhandeln.

Dass der US-Finanzminister auf Steuerzahlerkosten nun 700 Mrd. Dollar vom Kongress zum Ankauf wackeliger Portfolios bei Banken haben will, steht für ein Außerkraftsetzen des Wettbewerbs und seiner Sanktionen. Seit AIG gilt too big too fail und zudem können sich schlecht geführte Banken beim Steuerzahler für ein bail-out bedanken. Das sind sonderbare Signale in einer Marktwirtschaft. Im Übrigen dürften nach den Banken bzw. AIG bald auch Versicherungen wackeln, die toxischen CDS-Papiere finden sich auch in Europa.

Die USA haben seit den 50er Jahren ein innovatives und leistungsfähiges Finanzsystem aufgebaut, dessen bislang größte Krisenphase in den 80er Jahren die Savings and Loan-Krise war; damals gingen über 1000 Sparkassen in Konkurs, wobei ein wichtiger Impuls die Erhöhung der öffentlichen Einlagensicherung unter Präsident Carter in den 70er Jahren gewesen war: Die Anreize für das Sparkassenmanagement waren so, dass man bei solchen Bedingungen gerne verstärkt in riskante Geschäfte ging – dann überspannte man den Bogen und schon war die Krise da. Eine vernünftige Einlagensicherung muss aus dem Banksystem selbst kommen, nur dann sind die Anreize für vernünftiges Verhalten gegeben. Nach der Asien-Krise hat man neuerlich auch in den OECD- und Schwellenländern die Entwicklungen der Banken und Finanzmarktwelt näher unter die Lupe genommen; der Internationale Währungsfonds macht ein so genanntes Financial Sector Assessment Program, dem sich die IWF-Länder freiwillig unterziehen können. Dass dann aber ausgerechnet die USA sich der regelmäßigen Durchleuchtung ihrer Finanzmärkte durch den IMF über Jahre widersetzt haben, ist mehr als sonderbar. Hochmut kommt vor dem Fall der Aktienkurse.

Die FED war in 2007/08 sehr engagiert dabei, durch eine aggressive Niedrigzinspolitik zur Stabilisierung des US-Bankensystems beizutragen. Das führt zwar zu erhöhter Inflation, aber den Hauptschaden tragen hier nicht die US-Bürger, sondern jene Länder, deren Zentralbanken hohe Dollarreserven halten. Wirkliche Strukturreformen hat man in den USA bislang unterlassen.

In der Eurozone ist man gut durch die Krise gekommen, wobei eine relativ vorsichtige Regulierung in Spanien und Italien hierzu erheblich beigetragen haben. Die Bankenregulierung insgesamt gehörte hingegen nicht zu den Vorzeigeaktivitäten in der Eurozone; zu viele Fehler wurden gerade auch in Deutschland gemacht. Es war im Übrigen faktisch die Bundesregierung, die entschieden hat, dass die KfW die Düsseldorfer IKB verschenken darf: Weihnachten im August kann man die Aktion nennen, als die KfW gut 90 Prozent der IKB-Anteile zu etwa 125 Mio. Euro verkaufte und dabei noch auf einen Besserungsschein über 1 Mrd. Euro verzichtete; setzt man die Wahrscheinlichkeit mit 50 Prozent an, dass man den Besserungsschein bei künftigen Gewinnen hätte einlösen können, dann ist der wahre Verkaufspreis bei der IKB -375 Mio. Euro.

Es ist dreist, bei nur zwei Bietern eine wichtige Mittelstandsbank ausgerechnet an den US-Finanzinvestor Lone Star faktisch mehr als zu verschenken, wo doch der Bund 2001 34 Prozent der IKB für 458 Mio. Euro gekauft hat – damals mit dem Ziel, den drohenden Verkauf an einen Finanzinvestor zu verhindern. Zwischenzeitlich haben Bund und KfW rund 10 Mrd. Euro hineingesteckt, und gelandet ist die IKB am Ende bei einem Finanzinvestor. Es ist nicht einmal sicher, ob nicht Lone Star selbst, bekanntlich ein US-Finanzinvestor, demnächst in Schwierigkeiten – bedingt durch die Finanzmarktkrise – geraten wird; werden dann KfW oder Staat die IKB nochmals retten wollen?

Im Übrigen kann man nur staunen, dass der 37-Personen Wasserkopf des KfW-Verwaltungsrates alle Fehlentscheidungen der KfW in Sachen IKB meist im Konsens fasste; dass dort nur drei Bankenexperten vertreten sind, ist schon ein wenig Erklärung. Zum Glück: es sind auch der Chef des Bauerverbandes und Oskar Lafontaine Mitglieder im Verwaltungsrat.

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