Gastkommentar
Auch Bernanke trägt Verantwortung

Während die schlimmste Immobilienkrise seit der Großen Depression im vergangenen Jahrhundert in eine hässliche Rezession in den USA einmündet, vollzieht sich eine ernsthafte Neubewertung der 17-jährigen Führung von Alan Greenspan als Chairman der US-Notenbank.
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So gerechtfertigt diese Neubewertung sein mag, so sollte sie nicht von der Rolle des heutigen Fed-Chefs, Ben Bernanke, bei der Bewältigung des Immobiliendebakels ablenken. Vor allem weil Bernanke den Vorsitz der Fed im Februar 2006 – ein volles Jahr vor den schlimmsten Darlehensexzessen in der Subprime-Krise – übernommen hatte.

Zweifellos muss Greenspan den größeren Teil der Verantortung dafür übernehmen, dass er die Saat für die größte Immobilien- und Kreditkrise der USA in der Nachkriegszeit ausgelegt hat. Er hatte nicht nur die Zinsen auf abnorm niedrige Sätze nach dem Platzen der Technologieblase im Jahr 2001 gesenkt, sondern sie viel zu lange auf einem künstlich niedrigen Niveau gehalten. Als wäre dies nicht genug, fiel die Greenspan-Ära in eine Zeit, da die Standards für Hypothekenkredite in einem Maße gelockert wurden, wie dies nie zuvor der Fall war. Das erst hat zur Explosion der Subprime-Kredite geführt.

Greenspan hat die Autorität der Fed nicht etwa genutzt, um Finanzdienstleister, die für mehr als die Hälfte der Hypothekenkredite verantwortlich zeichnen, zur Ordnung zu rufen. Er hat nachweislich sogar Vorteile in der Vergabe von Subprime-Krediten gesehen. Er tat dies im Glauben, dass diese Kredite einen tragfähigen Weg weisen könnten, um mehr Menschen zu Grundbesitz zu verhelfen. Greenspan hat nachweislich auch eine große Begeisterung für Innovationen auf den Finanzmärkten entwickelt, wie die Verbriefung von Hypothekendarlehen und die zunehmende Nutzung flexibler Hypothekenkredite, welche die Probleme im Finanzsystem richtig verschärft haben.

Schlimmer noch, Greenspan wurde nie müde zu argumentieren, dass es nicht Aufgabe der Federal Reserve sei, mögliche Preisblasen bei Vermögenswerten zu identifizieren. Auch glaubte er nicht daran, dass die Fed Inflationstendenzen bei Anlagewerten durch eine aktive Geldpolitik Aufmerksamkeit schenken sollte. Er blendete dabei die unglücklichen Erfahrungen der Vereinigten Staaten beim Platzen der Technologieblase ebenso aus wie das Platzen der Assetblase in Japan in den späten 80er-Jahren. Stattdessen überließ er es seinem Nachfolger, sich mit den Konsequenzen überhöhter Immobilienpreise und eines aufgeblähten Kreditmarktes zu beschäftigen.

Obwohl Bernanke einem in seiner misslichen Lage schon leid tun kann – schließlich hat er zu deren Entstehen nicht beigetragen –, muss man schon die Frage stellen, warum er sich im Jahr 2006 so passiv verhalten hat, als die schlimmsten Auswüchse der Subprime-Krise bereits in seinem Sichtfeld lagen. In jenem Jahr sind ungefähr 600 Milliarden Dollar in Subprime-Hypothekenkredite geflossen. Das macht annähernd die Hälfte aller derzeit nicht bedienbaren Subprime-Darlehen aus. In der Tat ist es gängige Praxis der Banken gewesen, Kredite für Immobilien auf 100 Prozent zu erweitern und solche Darlehen auch für Schuldner ohne Einkommen, ohne Job und ohne Vermögenswerte zu gewähren.

Bernanke muss auch Rechenschaft ablegen, weil er die Gefahr und das Ausmaß der Immobilienkrise sowie den Umfang der Verluste im Finanzsystem durch unvorsichtige Kreditvergaben vollkommen unterschätzt hat. Im April 2007, als er erstmals von der Schieflage bei den Subprime-Krediten erfuhr, versicherte Bernanke dem US-Kongress noch, die Finanzkrise bleibe in ihrem Umfang begrenzt und die Folgen würden sich nicht über den Immobiliensektor hinaus erstrecken. Nur wenige Monate später war er zu dem Eingeständnis gezwungen, dass die Subprime-Krise Verluste im Finanzsystem in einer Größenordnung zwischen 50 Milliarden und 100 Milliarden nach sich ziehen könnten. Selbst diese Bewertung musste er auf 150 Milliarden Dollar korrigieren. Und auch damit lag er falsch, denn die gängigen Markteinschätzungen über die Verluste aus Subprime-Krediten liegen mittlerweile zwischen 200 Milliarden und 400 Milliarden Dollar.

Die Fehleinschätzung über das Ausmaß der Immobilienkrise hat Bernanke blind für frühes und entschiedenes geldpolitisches Handeln gemacht. Schließlich dauerte es bis August 2007, als die Fed Reserve die Serie der aktuellen Zinssenkungen einleitete. Das war, lange nachdem den meisten Marktbeobachtern klargeworden war, dass hohe Verluste aus Subprime-Krediten und ein Mangel an Transparenz über die daran gekoppelten neuen Finanzinstrumente längst das internationale Bankensystem bedrohten. Und selbst als die Fed damit begann, die Zinsen zu senken, tat sie es nur behutsam und unterschätzte wiederholt die Risiken, die vom Debakel auf dem Immobilienmarkt für das wirtschaftliche Wachstum ausgingen.

Die dramatische Senkung der Leitzinsen durch die Federal Reserve um 75 Basispunkte am 21. Januar belegt, dass die US-Notenbank jetzt begriffen hat, wie ernst die Bedrohung aus einer tödlichen Kombination eines Kollapses am Immobilienmarkt, einer akuten Kreditklemme und eines Ölpreises ist, der sich bei 90 Dollar pro Barrel bewegt, für die Wirtschaft geworden ist.

Obwohl die letzte Zinssenkung zu spät erfolgt ist, um eine Rezession in den USA in der ersten Hälfte von 2008 noch zu vermeiden, gibt sie doch zu der Hoffnung Anlass, dass die amerikanische Notenbank zumindest nicht die Fehler in der Großen Depression in den USA oder im Verlauf des „verlorenen Jahrzehnts“ in Japan wiederholt. Damals wurde zu lange eine Politik des knappen Geldes verfolgt, obwohl längst deutlich wurde, dass die große Blase an den Märkten platzen musste.

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