
Zwei Fakten sind in der jüngsten Rezession besonders augenfällig. Erstens ist die Gesamtnachfrage nach Waren und Dienstleistungen in Europa und den Vereinigten Staaten viel schwächer, als sie es in den guten Jahren vor der Rezession war. Zweitens sind in den USA die meisten wirtschaftlichen Zuwächse der letzten Jahre an die Reichen geflossen. Obwohl die Bedenken über inländische Einkommensunterschiede in Europa gedämpfter sind, werden sie durch die Angst vor einer Ungleichheit zwischen den Ländern verstärkt, zumal Deutschland nach vorne prescht, während die südliche Peripherie ins Stocken gerät.
Überzeugende Erklärungen der Krise weisen auf Zusammenhänge zwischen der lauen Nachfrage und den steigenden Einkommensunterschieden hin. Jetzt, wo in den USA die Hauspreise eingebrochen sind und überschuldete Haushalte keinen Kredit mehr bekommen, ist die Nachfrage stark gefallen. Der Schlüssel zum Aufschwung besteht demnach darin, die Reichen zu besteuern, die Transferleistungen zu erhöhen und die Einkommen der Arbeitnehmer anzuheben, indem die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften verbessert und die Mindestlöhne erhöht werden.
Die Betonung der arbeitnehmerfeindlichen und reichenfreundlichen Politik als Hauptursache für die Rezession passt weniger gut zu den Ereignissen in Europa. Länder wie Deutschland, die das Arbeitsrecht reformierten und die Löhne kaum anhoben, sind besser in Form als Länder wie Frankreich und Spanien, in denen Arbeitnehmer stärker geschützt waren.
Deshalb sollte man einmal über eine alternative Erklärung nachdenken: Angefangen in den frühen 1970er-Jahren, fiel es den Industrieländern immer schwerer zu wachsen. Länder wie die USA und Großbritannien reagierten schließlich darauf, indem sie ihre Volkswirtschaften deregulierten. Der erhöhte Wettbewerb und die Einführung neuer Technologien steigerte Nachfrage und Einkommen für hochqualifizierte, talentierte und gebildete Arbeitskräfte für Tätigkeiten, die nicht mechanisch ausgeführt werden können wie etwa Beraterjobs. Einst gut bezahlte, eher mechanisch ausführbare Tätigkeiten wurden automatisiert oder ausgelagert.
Kontinentaleuropa hat den Markt nicht so stark dereguliert und es vorgezogen, Wachstum durch stärkere wirtschaftliche Integration anzustreben. Der Preis war ein langsameres Wachstum und höhere Arbeitslosigkeit. Die Einführung des Euros war augenscheinlich ein Segen, da er die Kreditkosten senkte und es ermöglichte, Arbeitsplätze durch schuldenfinanzierte Ausgaben zu schaffen. Die Krise setzte diesen Ausgaben ein Ende. Leider hatten die vorausgegangenen Ausgaben die Löhne ohne eine Steigerung der Produktivität in die Höhe getrieben, weshalb die Länder mit hohen Ausgaben wenig wettbewerbsfähig waren.
Eine Ausnahme von diesem Muster stellt Deutschland dar, das schon vor dem Eintritt in den Euro-Raum geringe Kreditkosten hatte. Deutschland hatte mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen, die aus der Wiedervereinigung mit dem schwachen Osten resultierte. In den ersten Jahren des Euros hatte Deutschland keine andere Wahl, als den Arbeitnehmerschutz zu verringern, Lohnerhöhungen zu begrenzen und die Renten zu senken; alles in dem Versuch, die Beschäftigungsrate zu steigern. Deutschlands Lohnkosten fielen im Verhältnis zum Euro-Raum, und seine Exporte und das BIP-Wachstum stiegen explosionsartig an.

Eine alternative Betrachtungsweise legt andere Maßnahmen nahe: Die USA sollten sich darauf konzentrieren, Ausbildung und Fertigkeiten der ins Hintertreffen geratenen Menschen an die vorhandenen Arbeitsplätze anzupassen. In den Euro-Ländern mit schwacher Wettbewerbsfähigkeit können Strukturreformen nicht aufgeschoben werden. Kurz gesagt besteht das grundlegende Dilemma des Euro-Raums darin: Die Peripherie braucht für die Zeit der Anpassung Finanzmittel, während Deutschland unter Hinweis auf die Erfahrungen nach der Euro-Einführung meint, es funktioniere nicht, dass Länder Reformen noch durchführen, wenn sie erst einmal das Geld haben.
Wenn ein reformiertes Europa zu wachsen beginnt, könnte in Teilen des Kontinents dieselbe Ungleichheit wie in den USA entstehen. Doch kann Wachstum die Ressourcen bereitstellen, um dagegenzuwirken. Bei weitem schlimmer wäre es für Europa, ernsthafte Reformen zu vermeiden und in einen egalitären Niedergang abzugleiten. Japan ist das Beispiel, das man vermeiden sollte, nicht die USA.
Der Autor war Chefökonom beim IWF und lehrt Finanzwissenschaften an der University of Chicago.
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