Gastkommentar
Der Mythos von der Abkopplung

Wenn die US-Wirtschaft niest, fängt sich der Rest der Welt eine Lungenentzündung ein. So lautete bis vor kurzem eine gängige Binsenweisheit.Aber die Welt hat sich in den letzten zehn Jahren gewandelt – und wie!
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Heute herrschen an der Wall Street und beim Internationalen Währungsfonds die Überzeugung, die globale Wirtschaft habe sich von den Vereinigten Staaten abgekoppelt. Und diese Abkopplung lässt die Schlussfolgerung zu, die Schwächen in der US-Konjunktur würden lässig von der Stärke der restlichen Weltwirtschaft aufgefangen.

Es wäre nur allzu schön, könnte man diesem Paradigma von der Abkopplung wirklich Glauben schenken. Dann hätte man wesentlich weniger Anlass, sich über eine mögliche harte Landung der US-Konjunktur Sorgen zu machen. Denn sie bliebe im Großen und Ganzen auf die Vereinigen Staaten beschränkt. Und daher würde diese Landung auch nicht ganz so hart ausfallen wie sonst, denn sie würde von der wirtschaftlichen Stärke im der außeramerikanischen Welt abgefedert. Bedauerlicherweise findet sich für diese These weder in der Theorie noch in der Praxis eine handfeste Untermauerung. Die Geschichte mutet ein wenig an wie die Erzählung von der Zahnfee.

Die Befürworter der Abkopplungstheorie übersehen leicht die Tatsache, dass die amerikanische Wirtschaft im Verlauf der vergangenen fünf Jahre die am schnellsten wachsende unter den sieben führenden Industriestaaten (G7) war. Ebenfalls übersehen wurde das Faktum, dass von der US-Wirtschaft die stärksten Triebkräfte für die aggregierte Nachfrage nach Produkten aus dem Rest der Welt ausgingen. Immerhin stehen die USA für 20 Prozent der Weltimporte.

Selbst als der amerikanische Immobilienmarkt in diesem Jahr seinen Ohnmachtsanfall erlitt, zeigten die US-Einfuhren wenig Wirkung. Die Aktivitäten auf dem US-Häusermarkt beschränken sich weitgehend auf das Inlandsgeschäft. Doch je mehr die Schwäche auf dem US-Immobilienmarkt durch fallende Preise und verringerte Aufträge im Bausektor auf den Rest der Welt durchschlägt, desto mehr muss man inzwischen davon ausgehen, dass sinkende Einfuhren in die USA auch Auswirkungen auf die globale Wirtschaft zeigen werden.

Noch gravierender für den Rest der Welt ist allerdings die Aussicht auf eine scharfe Abwertung des US-Dollars. Sie wird die US-Exporte anheizen und Importe dämpfen. Im Verlauf des Jahres 2007 ist der Dollar effektiv bereits um mehr als sieben Prozent auf sein niedrigstes Niveau seit Beginn des Floatings im Jahr 1973 gefallen.

Wir müssen davon ausgehen, dass der Dollar seine Talsohle noch lange nicht erreicht hat, weil die US-Notenbank die Zinsen in einer Phase weiter senkt, um die Wirtschaft der Vereinigten Staaten zu stützen, in der die externen US-Defizite hoch bleiben. Das wird den Volkswirtschaften in Europa und in Japan mit Sicherheit einen kräftigen Schlag versetzen. Denn deren Konjunktur läuft ohnehin nicht mehr rund. Ihre Währungen müssen zudem die größte Wucht des Dollar-Verfalls abfangen, weil viele der restlichen asiatischen Staaten ihre Währungen künstlich manipulieren, um ihre Wettbewerbsvorteile nicht zu verlieren.

Blind sind die Vertreter der Abkopplungsthese auch für den Umstand, dass eine Reihe der Schockwellen, die die US-Wirtschaft derzeit erreichen, eigentlich eine globale Wirkung entfaltet. Das trifft mit Sicherheit auf die Kreditklemme als Folge der Subprime-Krise auf dem US-Immobiliensektor zu. Sie hat zu einem globalen Anstieg der Zins-Spreads und zu einer weltweiten Verschärfung der Standards für Bankkredite geführt. Wie weit die Schuldtitel des US-Immobilienmarkts bereits um die Welt gewandert sind, zeigt die Tatsache, dass eine Reihe von deutschen Banken und einige französische Institute arg in Mitleidenschaft gezogen worden sind.

Der spektakuläre Anstieg der Ölpreise in letzter Zeit entfaltet ebenfalls global Wirkung. Er lässt sich keineswegs zu einem auf die Vereinigten Staaten beschränkten Angebotsschock reduzieren. Das wäre allzu simpel. Obwohl es stimmt, dass die Dollarschwäche die Folgen für die USA deutlicher zum Vorschein treten lässt als in anderen Staaten, bedeutet dies noch lange nicht, dass der Ölpreisschock keinen weltweiten Widerhall findet. Schließlich haben sich die Ölpreise seit Beginn dieses Jahres verdoppelt, während der Wert des Dollars nur um zehn Prozent eingebüßt hat. Auch in anderen Bewertungen als in Dollar ist der Ölpreis sehr hoch.

Die Optimisten der Abkopplungstheorie setzen ihre Hoffnung darauf, dass das anhaltend hohe Wachstum in China einen Ausgleich für die wirtschaftliche Schwäche der Vereinigten Staaten bewirken könnte. Sie blenden dabei allerdings aus, in welch hohem Maße das chinesische Wirtschaftswunder von Exporten abhängig ist.

Chinas Wirtschaft reagiert äußerst empfindlich auf jede Verschärfung des Protektionismus, der durch einen Konjunktureinbruch in den USA oder in Europa rasant zunehmen könnte. Sie vergessen zudem, wie stark China auf eine anhaltende globale Nachfrage setzt, indem es auf immer größeren Überschüssen im Außenhandel beharrt.

All jene, die den Mythos einer globalen wirtschaftlichen Abkopplung der Vereinigten Staaten bedienen, leisten uns einen Bärendienst. Sie lenken nämlich die Aufmerksamkeit von den immer noch sehr starken globalen wirtschaftlichen Vernetzungen ab. Und indem sie so vorgehen, schaden sie der so sehr benötigten koordinierten politischen Reaktion auf viele der globalen Wirtschaftsprobleme. Denn die bedrohen die Erholung der gesamten Weltwirtschaft – und nicht nur der Vereinigten Staaten.

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