Gastkommentar
Die Euro-Zone muss zur politischen Größe werden

Europa leidet nicht nur an der Banken- und Schuldenkrise, sondern auch an einem Mangel an politischer Legitimation. Eine Rückkehr des Kontinents zu nationalen Märkten wäre allerdings ein echter Alptraum.
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Winston Churchills berühmte Züricher Rede aus dem Jahr 1946, in der er die Idee von den „Vereinigten Staaten von Europa“ verteidigt, dient auf dem europäischen Kontinent gerne als Beleg dafür, dass im Herzen der Europäischen Union auch britische intellektuelle DNA-Spuren zu finden sind. Aber natürlich war der Premierminister damals weit davon entfernt, Großbritannien als einen Teil dieser Vereinigten Staaten zu sehen. Wie viele seiner Zeitgenossen war er davon überzeugt, dass unser Land ein eigenständiges Imperium war und nicht etwa Teil eines anderen. Mit dem Management belgischer Kohleminen wollte das Vereinigte Königreich partout nichts zu tun haben.

Es ist eine hochinteressante historische Tatsache, dass Winston Churchill zu der letzten Generation alter Konservativer gehörte - mit Ausnahme der gerade jetzt wieder amtierenden -, die beide Ansichten gleichzeitig hegte: dass eine enge politische Integration der zentralen europäischen Staaten vonnöten sei, London damit aber nichts zu tun haben sollte.

Seither ist in den britischen Beziehungen zur Europäischen Union wirklich alles von dieser Ambivalenz gekennzeichnet, ob bei Labour oder bei den Tories. Mein eigener Großvater, der im Jahre 1950 dem Land als Premier während Clement Attlees Krankheit diente, entschied sich damals gegen die Teilnahme Großbritanniens an der Montanunion, weil das, wie er meinte, „die Minenarbeiter in Durham nicht mittragen werden“. Als es offenkundig wurde, dass Churchills ambivalente Vision von Großbritannien nicht länger haltbar war, verkomplizierten sich die Ansichten über den Kontinent.

Harold Macmillan, der konservative Regierungschef Großbritanniens, grämte sich in seinem Tagebuch endlos, dass ein vereintes Europa ohne Großbritannien zu einem von den Deutschen dominierten Europa führen müsse, was wir ja gerade mit zwei Weltkriegen zu verhindern getrachtet hatten! Es birgt durchaus Ironie in sich, dass es heute wahrscheinlich Deutschland selbst ist, das sich am ehesten über ein deutsch dominiertes Europa tiefe Sorgen macht.

Natürlich konnte London nicht Mitglied dieser Vereinigten Staaten von Europa sein! Aber es gab andere Wege der Zusammenarbeit. Und so entwickelten Konservative wie Labour-Politiker starke und überzeugende ökonomische Begründungen dafür, dass man sich den Vereinigten Märkten Europas anschließen müsse. Jedenfalls herrschte in London die weithin geteilte Überzeugung, auch in FCO-Kreisen (Foreign Commonwealth Office), dass wir diesen europäischen Prozess von innen mitgestalten müssten. Und so haben wir uns dem Gemeinsamen Markt angeschlossen. London war in den 80er- und 90er-Jahren dann sogar ein intellektueller Schrittmacher bei der Liberalisierung des Gemeinsamen Markts, dem Herz der Europäischen Union also. Gewiss hat diese liberalisierende Kraft Großbritanniens eine weit profundere Wirkung auf die Kommission in Brüssel ausgeübt, als es allseits erkannt wurde.

Kommentare zu " Gastkommentar: Die Euro-Zone muss zur politischen Größe werden "

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  • "Natürlich konnte London nicht Mitglied dieser Vereinigten Staaten von Europa sein!"
    GB würde nie die Privilegien der City of London aufgeben, was denn sonst?
    Ein Schelm der Böses dabei denkt, gelle...
    Mit Hedgefonds und Derivaten samt CDS und 5-20facher Hebelung haben sich die "Global Player" der Wall Street und der City of London ein märchenhaftes Tischlein-deck-dich geschaffen, einen €uro-Esel im Stall und wenn nicht gespurt wird: Knüppel aus dem Sack!
    Über short oder long gewinnen sie immer: eine Zwickmühle der besonders raffinierten Art
    Mit dem Trick den € auf die €urozone zu begrenzen hat man praktisch wieder clever gehedged und im €-Jagdrevier kann nun der Stier bei den Hörnern gepackt und und das Fell des Bären schön zerstückelt verhökert werden...
    Es ist einfach unfaßbar, was sich abspielt!
    Am Schlimmsten wird sich die schleichende Balkanisierung auswirken, die dank Schengen, die sozialen Netze über Südosteuropa auswirft und das einst als K.u.K.-"Vielvölkergemisch" romantisch gepriesene Staatsmodell flog Europa bekannntlich mit dem 1. WK um die Ohren und hallte bis zum "Balkankonflikt" nach Tito's Götterdämmerung.
    Diese Balkanisierung Europas trägt genau den Spaltpilz, den man mit der EWG einst bewußt vermeiden wollte: anstatt romatischer Ideale (also Ideologie bzw. "Glaube") nüchterner wirtschaftlicher wettbewerb im Europa der Vaterländer, ohne Einheitswurst,-gurke, -münze usw.
    Das EWS auf Basis des ECU wird überhaupt nicht mehr erwähnt, als hätte es nie existiert, und zwar ohne jegliches Problem über Jahrzehnte!!!
    Leider konnte F nicht der Versuchung widerstehn D '89 an die €-Kette zu legen:
    die vermeindliche Kette für den Höllenhund D hat man nun selbst am Bein bzw. in der Hand als €-Seilschaft!
    Fällt der eine, zieht er den anderen mit in den Abgrund ;)
    Ein raffinierter Plan, fast ein finanzielles perpetuum mobile...

  • Johannes
    Was it das denn für ein Unsinn den Sie da
    schreiben?
    Hier wird ja auch von den Piraten geredet. Also warum soll Henkel nicht auf die Gruppierugnen aufmerksam machen, die gegen den Euro sind?
    Wissen Sie was Demokratie ist? Genmau das, nämlich freie Meinungsäußerung. Würde das HB solche Anmerkugnen verbieten, wäre es nicht mehr demokratisch

  • @Shorty2

    ""Ich kann nichts falsches daran finden, wenn sich Völker eigene Nationalstaaten gründen und zu ihrem Staat stehen. Wer die Überwindung des Nationstaats anstrebt, will nur neue Unterdrückung schaffen.""

    "Eine lächerlich naive Aussage. Nationalismus ist zumeist der Auslöser von Kriegen und eine Hauptvoraussetzung für die Unterdrückung Andersdenkender."

    Lernen sie erstmal etwas Geschichte, die Französische Revolution oder der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg würden sich anbieten.

    Freie souveräne und demokratische Nationalstaaten sind in der Lage, unvermeidliche Konflikte auf zivilisierte Weise aufzulösen und einen Interessenausgleich zu schaffen. Dann kommt es auch zu keinem Krieg.

    Den Eliten sind diese Demokratien mit selbstbewussten Bürgern jedoch seit langem ein Dorn im Auge und müssen abgeschafft werden.

    Dazu muss der Bürger natürlich erstmal um sein Eigentum gebracht werden. Womit würde das besser gehen als mit einer Währung.


    "Man kann stolz sein auf das selber vollbrachte, auf eine 'Nation' stolz zu sein, ist suspekt."

    Da haben sie in der linksgrünen Ideologiesitzung aber fein aufgepasst. Dort haben sie bestimmt auch gelernt das Deutschland das ewig Böse ist und um jeden Preis aufgelöst werden muss.

    Ich bin, bzw. war bis vor kurzem, stolz auf Deutschland und das ist auch gut und natürlich so.

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