Gastkommentar
Die Lehre aus der Weimarer Republik

Wenn demokratische Regierungen in der Krise unpopuläre Maßnahmen ergreifen, brauchen sie internationale Unterstützung. Ein Europa ist nötig, um die Demokratie in den wirtschaftlich bedrohten Staaten aufrecht zu erhalten.
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Die Position Deutschlands in Europa erscheint zunehmend angreifbar. Im Chaos der deutschen Wiedervereinigung des Jahres 1990, als die deutschen Nachbarn sich vor dem neuen Riesen fürchteten, versprach der damalige Kanzler Helmut Kohl ein europäisches Deutschland und kein deutsches Europa. Heute bestimmt Deutschland jedoch die Bedingungen für die finanzielle Rettung Europas.

Es herrscht zwar weitgehende Einigkeit darüber, dass Europa ein substanzielles Wirtschaftswachstum braucht, um seiner Schuldenmisere zu entkommen. Aber die deutsche Sorge um Stabilität drängt die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Darum ist es in Mode, auf Deutschland einzudreschen. Die Kritiker Deutschlands führen dabei zwei Punkte an: Das wahre europäische Problem sei der deutsche Leistungsbilanzüberschuss und die Deutschen seien von ihrer Vergangenheit besessen.

Die deutsche Leistungsbilanz sorgte schon für Diskussionen, bevor die Währungsunion gegründet wurde. Aufgrund starker Exporte hatte sich Deutschland in den 1960er-Jahren zur stärksten und dynamischsten Volkswirtschaft Europas entwickelt. Als die aus den Leistungsbilanzüberschüssen entstehenden Ungleichgewichte unfinanzierbar und untragbar wurden, bestand Anpassungsbedarf. Die europäischen Partner Deutschlands, allen voran Frankreich, kamen regelmäßig unter Druck, ihre Defizite durch Sparprogramme und Deflation zu korrigieren. Für die politische Elite Frankreichs war das ein Anathema, weil so das Wachstum gehemmt und die Wahlchancen gesenkt wurden. Die Franzosen (sowie auch andere Mittelmeerländer) hätten lieber eine geld- und fiskalpolitische Expansion Deutschlands gesehen, um dessen Exportstärke abzuschwächen. Dieser Kurs war bei den Deutschen allerdings wegen der damit verbundenen Inflationsgefahren immer unbeliebt.

Der zweite, von Nobelpreisträger Paul Krugman wiederholt geäußerte Kritikpunkt an Deutschland ist, dass die vermeintliche Lehre aus der deutschen Geschichte falsch sei. Nicht die berühmte Hyperinflation der frühen 1920er-Jahre zerstörte die fragile Weimarer Republik und ebnete den Nazis den Weg zu ihrem Aufstieg. Vielmehr wurde die Demokratie zehn Jahre später durch Depression und Deflation zerstört.

Kommentare zu " Gastkommentar: Die Lehre aus der Weimarer Republik"

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  • lieber Wolfgang, ich lese jedenfalls lieber die Kommentare von Karstenberwanger oder Margit 117888 als Deine unflätigen Beschimpfungen. Offensichtlich sind dir die Argumente ausgegangen !?!

  • Wir erinnern uns noch daran, wie Papandreu in seiner Not das Volk fragen wollte.
    Wie und mit welcher Geschwindigkeit Merkel und Sarkozy das vereitelt haben, zeigt wie gefährlich sie den Mann hielten. Könnte ja jeder kommen. Nachher macht das noch Schule.

    Europa schützt zur Zeit also gerade die Nicht-Demokratie.
    Dabei wird umgekehrt ein Schuh draus: Demokratie könnte Europa ermöglichen. Da müßte man allerdings in den Einzelstaaten erst mal anfangen. Nur wenn die Bevölkerung die Auswahl hat, könnte sie sich in irgenteiner Form FüR Europa entscheiden. Sie wird aber nicht gefragt. Weder bei uns noch in Griechenland.
    Solange wir nicht mal in den einzelnen Staaten einschließlich Deutschland die Staatshaushalte im Griff haben, brauchen wir in Europa mit Projekten wie dem Euro gar nicht anfangen.

  • Die Idee mit dem Länderfinanzausgleich hört sich sehr solidarisch an, ist jedoch kein Anreiz, den Haushalt der finanzschwachen Länder in Ordnung zu bringen. Gleiches gilt für Europa. Eine einheitliche Wärung verhindert das wichtige Instrument des Wechselkursausgleichs entsprechend der Leistungsfähigkeit. Wenn also die Bürger der Südländer unter der Last des Sparens verzweifeln und letztlich radikal wählen ist dies verständlich; nur was dann, liebe EU? Wollt ihr dann Truppen schicken, wenn z.B. in Griechenland eine faschistische Regierung gebildet wird? Soweit sind wir noch nicht. Aber durchdacht ist dies nicht. Wenn der Bauch voll ist, braucht man keine politische Veränderung. Wenn der Hunger einkehrt, ist die Idiologie unwichtig. Die Hauptsache ist doch dann, dass jemand Hoffnung macht. Also träumt weiter von eurem Europa ohne Grenzen. Schaut Euch um, wenn ihr aufwacht.

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