Gastkommentar
Die neue Welt der Knappheit

"Manche sagen, die Welt wird im Feuer untergehen, andere sagen, im Eis.“ Mit diesem Zitat des Dichters Robert Frost hat der Harvard-Professor Kenneth Rogoff die aktuellen wirtschaftlichen Unsicherheiten auf den Punkt gebracht.
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Für die Zentralbanken bedeutet das ein Dilemma: Müssen sie die Zinsen anheben, um das Feuer auszutreten, oder sie senken, um die Vereisung zu vermeiden? Der Augenschein trügt. Sieht man sich die Zahlen genauer an, dann muss man zur Kenntnis nehmen: Die Frage stellt sich nicht in dieser Form. Schon die Wirkungsverzögerung erklärt die Tatsache, dass die Preise noch steigen, obwohl das Wirtschaftswachstum sich verlangsamt. Wenn etwas wirklich erstaunlich ist, dann viel eher, dass der Anstieg der Inflationsrate bis vor ganz kurzer Zeit so moderat verlaufen ist. Seit dem Beginn des weltweiten Aufschwungs vor sechs Jahren hat sich der Energiepreis – in Dollar gerechnet – verdreifacht. Die Kosten der anderen Rohstoffe haben sich verdoppelt. Das ist ein wirtschaftlicher Schock, der fast ebenso heftig ist wie der Ölpreisanstieg von 1973 bis 1975. Aber statt regelrecht abzuheben, hat die Geldentwertung weltweit nur ein wenig gezittert: Ihr Anstieg erreicht nur ein bis zwei Prozent, das ist ziemlich genau der rechnerische Effekt, den die höheren Rohstoffpreise haben.

Die wirklich wichtige Frage bezieht sich auf die Zukunft. Es geht darum, ob die Wirkung der grundlegenden Faktoren, die einen moderaten Preisanstieg zur Folge hatten, anhält oder sich ins Gegenteil umkehrt. Von der Antwort auf diese Frage hängt ab, wie man sich verhalten muss: die Inflation bekämpfen, ehe es zu spät ist, oder vor allem den Effekt der Finanzkrise dämpfen. Was die Rohstoffe angeht, ist die Veränderung eindeutig. 20 Jahre lang haben wir im Überfluss und mit niedrigen Preisen gelebt. Mangelnde Investitionen, geopolitische Spannungen und die wachsende Nachfrage der Schwellenländer haben das Blatt gewendet. Teilweise wird der Anstieg aber gebremst werden: Höhere Preise lösen neue Investitionen aus, die in naher Zukunft das Angebot ausweiten werden.

Allerdings wird dieser Effekt begrenzt bleiben, denn je stärker sich das Wachstum in die Schwellenländer verlagert, desto stärker betrifft es rohstoffintensive Produktionen. Auch wenn die Amerikaner große Energieverbraucher sind – wenn ihr Einkommen steigt, führt das vor allem zu wachsender Nachfrage nach Dienstleistungen. Ganz anders bei Chinesen oder Indern: Einkommenszuwächse übersetzen sich bei ihnen in mehr Autoverkehr und Nachfrage nach mehr Fleisch. Doch fossile Energien und landwirtschaftliche Fläche sind begrenzt. Wir treten in ein neues Zeitalter der Knappheit ein.

Gegen diese anhaltenden Spannungen bei den Preisen muss zunächst die Überzeugungskraft der Zentralbanken wirken, dass sie keinen dauerhaften Anstieg der Inflation zulassen werden. Es ist bemerkenswert, dass die erwarteten künftigen Inflationsraten in den Ländern, in denen sie erhoben werden, niedrig bleiben. Hier zeigt sich der wichtigste Effekt unabhängiger Zentralbanken, die sich weltweit als Modell durchgesetzt haben: Je höher die Glaubwürdigkeit der Notenbank ist, desto eher kann sie zeitweilige Preisschübe hinnehmen, ohne Inflationserwartungen zu nähren. Wir ernten heute die Erträge von institutionellen Änderungen, die wir in den neunziger Jahren geleistet haben.

Der zweite moderierende Faktor ist die Globalisierung selbst. Seit den neunziger Jahren bremst die wachsende weltweite Konkurrenz den Preisanstieg. Die wirtschaftliche Öffnung hat Hunderte Millionen von chinesischen, indischen oder polnischen Arbeitern am internationalen Handel beteiligt. Jeder, der durch die Gänge eines Supermarktes geht, kann feststellen, dass es bei Industriegütern einen Preisdruck nach unten gibt. Der Ökonom Richard Freeman hat das die Kraft weltweiter Arbeit genannt. In den Ländern, die sich für Zuwanderung geöffnet haben wie Großbritannien, betrifft das sogar die Preise von Dienstleistungen.

Manche Leute sagen, diese disziplinierende Wirkung verschwinde. Der Streik der rumänischen Dacia-Arbeiter sowie die neue chinesische Sozialgesetzgebung, die teilweise vom europäischen Vorbild beeinflusst ist, deuteten auf das Ende der Epoche moderater Preisentwicklung hin. Nachdem sie lange deinflationierend gewirkt habe, treibe die Globalisierung nun eher die Preise.

Diese These ist übertrieben. Sie vernachlässigt zunächst, dass Lohnforderungen generell die Kehrseite von Produktivitätszuwächsen sind. Sie übersieht auch, dass China – um nur dieses eine Land zu nennen – noch über lange Jahre hinweg zehn Millionen neue Arbeitsplätze jährlich schaffen muss, um die vom Land zuströmenden Arbeitskräfte absorbieren zu können. Auch wenn hier und da mal Preisspannungen auftreten: Man darf doch nicht vergessen, dass noch Hunderte Millionen von Arbeitern, die immer besser ausgebildet werden, auf Zugang zu Kapital und Technologie warten, um ihre Produktivität zu vervielfachen. Sie in Produktion und Märkte zu integrieren wird eine ganze Generation dauern, nicht nur ein paar Jahre.

Am wahrscheinlichsten ist deshalb, dass in den kommenden Jahren die Rohstoffe teuer bleiben, Arbeit aber billig. Wir werden nicht mehr in der Welt des Überflusses leben, aber auch nicht in der Hölle der Inflation. Die Wachsamkeit der Zentralbanken ist gefordert. Doch das hindert sie nicht daran, gegen die Risiken einer Rezession vorzugehen.

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