Gastkommentar
Die stumpfe Wunderwaffe

Die Gerechtigkeitsfrage bewegt die deutschen Politiker. Damit können sie endlich wieder das tun, was sie am liebsten machen: umverteilen.
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Nachdem Mitarbeiterbeteiligungen bereits in den 50er- und 60er-Jahren als Wunderwaffe im Kampf für eine gerechte Gesellschaft galten, kehrt man nun wieder zu den Anfängen der Bundesrepublik zurück.

Ein Grund für das wiedererwachte Interesse der Politik an Kapitalbeteiligungen der Arbeitnehmer ist die seit einiger Zeit rückläufige Lohnquote. Da liegt es nahe, die relativen Verluste der Arbeit durch eine Beteiligung der Arbeitnehmer an den relativen Gewinnen bei Kapital auszugleichen. Gelingt es, auch die Arbeitnehmer an dieser im Zuge der Globalisierung immer stärker sprudelnden Quelle zu beteiligen, ließe sich auch die Verteilung des Volkseinkommens zugunsten der Arbeit verbessern.

Verteilungspolitisch effizient sind Mitarbeiterbeteiligungen nur, wenn sie an den Ursachen des Falls der Lohnquote ansetzen. Empirische Untersuchungen zeichnen ein relativ klares Bild. Die Globalisierung ist nicht die Hauptschuldige. „Offshoring“ senkt die Lohnquote kaum, internationaler Handel erhöht sie sogar. Der eigentliche Treiber der rückläufigen Lohnquote ist der techni-sche Fortschritt. Er drückt in der Phase der Einführung neuer IK-Technologien den Anteil der Arbeitseinkommen am Volkseinkommen. Haben sich die neuen Technologien in einem Land verbreitet, erhöhen sie die Lohnquote allerdings wieder.

Empirische Untersuchungen zeigen: Der Fall der Lohnquote ist auch kurzfristig kein unabwendbares Schicksal. Es gibt ein wirksames Gegenmittel: wettbewerbliche Arbeitsmärkte. Angelsächsische und kleinere europäische Länder haben die Zeichen der Zeit erkannt. Als Folge sank die Lohnquote weniger stark als in den inflexiblen großen EU-Ländern.

Die Pläne der Mitarbeiterbeteiligung gehen verteilungspolitisch nur auf, wenn sie helfen, die Arbeitsmärkte zu flexibilisieren. Genau das können aber Kapitalbeteiligungen grundsätzlich nicht leisten. Die Arbeitskosten bestehen nun aus einer fixen Lohn- und einer fixen Kapitalkomponente. Sie werden weder flexibler noch niedriger. Was die Unternehmen über geringere fixe Löhne gewinnen, verlieren sie über höhere fixe Kapitalkosten.

Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass Arbeitnehmer, die sich an der eigenen Unternehmung beteiligen, motivierter und produktiver sind. Die Empirie ist allerdings ernüchternd. Selbst bei betrieblichen Lösungen sind die positiven Effekte gering. Mit der eigenen Tätigkeit können die meisten Arbeitnehmer den Unternehmenswert nicht beeinflussen. Der Anreiz ist groß, auf Kosten der anderen Trittbrett zu fahren.

Dieser Einwand gilt auch für die „soziale Kapitalpartnerschaft“ der CDU/CSU, die Arbeitnehmer an der eigenen Unternehmung beteiligen will. Vollends unbrauchbar wird der Plan jedoch, weil er das portfoliotheoretische kleine Einmaleins nicht beachtet. Die Risiken für Arbeitnehmer steigen: Arbeitsplatz- und Vermögensrisiken werden kumuliert. Nicht besser ist der „Deutschlandfonds“ der SPD. Er vermeidet zwar die starke Kumulation von Risiken, weil er überbetrieblich organisiert ist. Damit gehen aber nicht nur die letzten positiven Anreize der Kapitalbeteiligung auf die Motivation der Arbeitnehmer verloren. Das angestrebte Portfolio ist hinsichtlich Anlageklasse und der fehlenden internationalen Ausrichtung auch schlecht diversifiziert. Das ist anlagetechnischer Unfug.

Die Modelle der Kapitalbeteiligungen versprechen mehr, als sie halten. Eines schaffen sie nämlich alle nicht: die Arbeitsmärkte flexibler zu gestalten. Damit ist aber die Chance gering, den temporären Fall der Lohnquote aufzuhalten. Und dennoch bleibt eine letzte Möglichkeit, dem angestrebten verteilungspolitischen Ziel näher zu kommen: Wenn es über Kapitalbeteiligungen gelingt, die Arbeitnehmer anzuhalten, mehr als bisher zu sparen, steigen deren Kapitaleinkünfte.

Die deutsche Politik ist seit langem tatsächlich der Meinung, die Bildung von Vermögen in Arbeitneh-merhand sei zu gering und eine staatliche Förderung von Kapitalbeteiligungen sei ein adäquates Mittel. Tatsächlich fließen Arbeitnehmern jedoch bereits mehr als 40 Prozent der Vermögenseinkünfte zu. Wer die Meinung vertritt, das sei zu wenig, unterstellt, der Staat wisse besser, was für Arbeitnehmer gut sei. Das ist Paternalismus pur. Kapitalbeteiligungen durch Zwangssparen sind daher keine Option, da sie den Arbeitnehmer in seiner Anlageentscheidung entmündigen. Auch bei einem milden Eingriff über steuerliche Begünstigungen ist nicht sicher, ob das angestrebte distributive Ziel erreicht wird.

Es ist wahrscheinlich, dass Arbeitnehmer im Wesentlichen nicht begünstigte Anlageformen in begünstigte umschichten. Das Vermögenseinkommen wird kaum steigen. Bei den Plänen der Regierungsparteien ist sogar das Gegenteil zu erwarten. Wer Arbeitnehmer in riskantere und schlechter diversifizierte Anlageformen drängt, produziert negative Vermögenseffekte und, daraus resultierend, ein sinkendes Einkommen.

Kapitalbeteiligungen halten den temporären Fall der Lohnquote nicht auf, da sie nicht zum Kern des Verteilungsproblems vordringen: nicht wettbewerbliche Arbeitsmärkte und individuelle Präferenzen. Es gibt also gute Gründe, die Finger von Modellen flächendeckender Kapitalbeteiligungen zu lassen. Das gilt umso mehr, wenn die geplanten Modelle so schlecht konstruiert sind, wie es bei den Plänen der Regierungsparteien der Fall ist. Der Weg zu sinnvollen Antworten auf die G-Frage führt nicht über Kapitalbeteiligungen, wohl aber über dezentrale, betrieblich organisierte Modelle der Gewinnbeteiligung.

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