Gastkommentar
Die Zeitbombe in der Subarktis

Wenn es noch irgendwelche latenten Zweifel darüber gegeben haben mag, wie schlecht wir auf die Realitäten des Klimawandels vorbereitet sind, dann wurden sie in diesem Monat beseitigt, als zwei russische Mini-U-Boote 4000 Meter unter dem arktischen Eis eine russische Flagge in den Meeresboden rammten.
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Der russische Präsident Wladimir Putin gratulierte den Aquanauten, während die Regierung in Moskau gleichzeitig ihren Claim für fast die Hälfte des arktischen Meeresbodens absteckte.

Obwohl das Ereignis in mancherlei Hinsicht komische Züge trägt und wie eine Karikatur der Kolonialexpeditionen des späten 19. Jahrhunderts wirkte, waren die Absichten todernst. Geologen sind der Ansicht, dass 25 Prozent der nicht entdeckten fossilen Rohstoffe wie Öl und Gas im Gestein des arktischen Meeres eingeschlossen sind. Die Ölriesen machen sich bereits auf, um das Potenzial zu erschließen. Der BP-Konzern ist bereits eine Partnerschaft mit Rosneft, der russischen staatlichen Ölfirma eingegangen, um die Region zu erforschen. Abgesehen von Russland und Kanada, beanspruchen drei weitere Länder – Norwegen, Dänemark und die USA – den arktischen Meeresboden als Teil ihres Kontinentalschelfs und damit als hoheitliches Territorium.

Nach dem internationalen Seerechtsvertrag von 1982 können Unterzeichnerstaaten exklusive Wirtschaftszonen für die kommerzielle Erschließung bis zu 200 Meilen außerhalb ihrer Hoheitsgewässer beanspruchen. Die USA haben diesen Vertrag jedoch nie unterschrieben. Sie befürchteten, dass andere Klauseln des Vertrages die Souveränität und die politische Unabhängigkeit der USA beeinträchtigen könnten. Jetzt allerdings hat das neue Interesse an arktischen Öl- und Gasvorkommen den US-Abgeordneten Dampf für eine Ratifizierung des Vertrages gemacht.

Es ist deprimierend, dass das neue Interesse für die Exploration des arktischen Bodens nach Öl und Gas erst durch den Klimawandel möglich geworden ist. Seit Tausenden von Jahren liegen die fossilen Brennstoffe unzugänglich eingebettet unter dem Eis. Jetzt schmilzt die globale Erwärmung das arktische Eis weg und macht zum ersten Mal die kommerzielle Erschließung der Vorkommen möglich. Ironischerweise setzt gerade die Verbrennung fossiler Brennstoffe jede Menge Treibhausgase frei und treibt die Temperaturen auf der Erde hoch, was wiederum zum Abschmelzen des arktischen Eises führt. Dadurch wird noch mehr Öl und Gas zur Energiegewinnung zugänglich. Die Verbrennung dieser Funde wird die CO2-Emissionen in den kommenden Jahrzehnten weiter steigern, so dass das arktische Eis noch schneller auftaut.

Aber die Geschichte endet nicht an diesem Punkt. Das Drama in der Arktis macht den Blick frei auf einen weitaus gefährlicheren Aspekt. Während Regierungen und Ölkonzerne hoffen, dass das arktische Eis schnell genug schmilzt, um freien Zugang zur letzten Schatztruhe für Öl und Gas auf der Welt zu erhalten, machen sich Klimaforscher ernsthaft Sorgen über etwas anderes, das unter dem Eis verborgen liegt und die Biosphäre der Erde ruinieren könnte – mit allen Konsequenzen für das menschliche Leben.

Ein großer Teil der sibirischen Subarktis, ein Gebiet so groß wie Frankreich und Deutschland, besteht aus gefrorenem Torfmoor. Vor der letzten Eiszeit war das Gebiet Weideland für frei lebendes Wild. Während der Eiszeit wurde alles Organische unter dem Permafrost begraben, wo es seitdem liegt. Während die Oberfläche Sibiriens weitgehend aus Ödland besteht, liegen unter dem Permafrost so viele organische Substanzen begraben, wie in allen tropischen Regenwäldern der Erde anzutreffen sind.

Mit der kontinuierlichen Erwärmung der Erde beginnen jetzt die Permafrostböden aufzutauen, sowohl auf dem Land als auch entlang der Küsten. Setzt die Schmelze an Land unter dem Einfluss von Sauerstoff ein, so führt der Zerfall organischer Substanzen zur Entstehung von C02-Gasen. Ohne Sauerstoff aber führt das Auftauen der Permafrostregionen entlang der Kontinentalschelfe zur Freisetzung von Methangas in die Atmosphäre. Methan ist das gefährlichste aller Treibhausgase, seine Wirkung ist 23-mal stärker als Kohlendioxid.

Forscher warnen davor, dass die Lage noch in diesem Jahrhundert kippen könnte, wenn die Freisetzung von Kohlendioxid und Methan zu einer unkontrollierbaren Kettenreaktion führt. Die dramatische Erwärmung der Atmosphäre würde Land, Seen und Meere erwärmen, zu einem weiteren Aufbrechen des Permafrostbodens führen und noch mehr Co2-Gase und Methan in die Atmosphäre entlassen. Ist diese Schwelle einmal erreicht, kann der Mensch in den Kreislauf nicht mehr regulierend eingreifen, weder technologisch noch politisch.

Dr. Katy Walker vom Institut für arktische Biologie an der Universität Alaska in Fairbanks hält die Schmelze des Permafrostbodens für eine „tickende Zeitbombe“. Sie und ihre Kollegen sind insbesondere besorgt, weil die Schmelze in der sibirischen Subarktis verborgene Seen erzeugt. Da diese eine höhere Temperatur haben als die umliegende Landschaft, taut der Boden um sie herum schneller auf mit der Folge, dass die Seeufer kollabieren und in die Seen stürzen. Das darin enthaltene organische Material zerfällt, das gespeicherte Methan entweicht in die Atmosphäre. Auf diese Weise könnten Milliarden Tonnen in der Arktis freigesetzt werden.

Auf der Polkappe entfaltet sich eine globale Tragödie mit monumentalen Ausmaßen, aber die Menschheit stellt sich blind. Als die Amerikaner 1969 auf dem Mond landeten, waren Neil Armstrongs erste Worte „Ein kleiner Schritt für den Menschen, ein großer für die Menschheit“. Die russischen Aquanauten, die auf dem Meeresboden unter dem Nordpol gelandet sind, hätten ebenso gut sagen können: „Ein kleiner Tauchgang für den Menschen, ein gigantischer Schritt rückwärts für das Leben auf der Erde.“

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