Gastkommentar
Eine Bilanz muss auch die Risiken zeigen

Anleger benötigen für ihre Investitionsentscheidungen qualitativ hochwertige Informationen aus der Finanzberichterstattung von Unternehmen.
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Dazu gehören Daten zum Geschäftsmodell des Unternehmens, zu den angebotenen Produkten und Dienstleistungen sowie dem geografischen Fokus des Geschäftsbetriebs, um Rückschlüsse auf die künftige Performance des Unternehmens ziehen zu können. Auch muss ein Investor über wirtschaftliche Risiken informiert sein, die sich auf die Nachhaltigkeit des Geschäftsbetriebs und die Umsätze und Gewinne des Unternehmens auswirken könnten.

Ein umfassendes Berichterstattungsmodell sollte eine vollständige Beurteilung des Chance-Risiko-Profils eines Unternehmens sowie die Vergleichbarkeit mit anderen Unternehmen ermöglichen. Das Problem ist aber, dass viele Finanzberichte heute entweder zu wenige Informationen enthalten oder diese in einer Form präsentieren, die Anlageentscheidungen nicht erleichtert.Die Informationen in den Berichtsbestandteilen der Finanzberichterstattung sollen die tatsächlichen Verhältnisse der momentanen Vermögens- und Finanzlage eines Unternehmens sowie seiner vergangenen Ertragslage darstellen. Wichtig ist zudem, dass sie über mehrere Perioden hinweg einheitlich dargestellt werden, damit der Anleger Vergleichsanalysen durchführen kann.

Die Aufgabe des International Accounting Standards Boards (IASB) ist es, qualitativ hochwertige Standards für die Finanzberichterstattung, die International Financial Reporting Standards (IFRS), zu entwickeln. Um diese Aufgabe zu erfüllen, hat der IASB eine Zielsetzung formuliert, wonach der Abschluss eines Unternehmens Informationen über die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage (und deren Veränderungen) enthalten soll. Ein Finanzabschluss soll den Bedürfnissen von Investoren gerecht werden und eine Beurteilung der Fähigkeit eines Unternehmens zur Erzielung von Cash-Flows ermöglichen. Das CFA Institute Centre for Financial Market Integrity (in Deutschland durch die German CFA Society vertreten) hat dazu eine Reihe von Empfehlungen entwickelt.

Im Rahmen geschäftlicher Transaktionen sind Unternehmen einer Vielzahl von Risiken ausgesetzt. Investoren benötigen ein klares und vollständiges Bild darüber, wie gut und effektiv das Management eines Unternehmens Strategien zur Steuerung von Risikopositionen im Einklang mit dem Geschäftsmodell eingesetzt hat.Beispiele sind Sicherungsgeschäfte („Hedging“) und Derivate: Inwieweit sich diese Kontrakte auf die Ertragschancen und Risiken eines Unternehmens auswirken, ist für den Anleger nicht immer offensichtlich. So können Vereinbarungen, die der Reduzierung des Risikos einer bestimmten Kategorie dienen, wie Zins- oder Währungsrisiken, andere Risiken erhöhen. Beispielsweise kann ein Zinsswap über den Tausch von variablen Zinssätzen in feste Zinssätze zwar die Unsicherheit in Bezug auf künftige Zinsaufwendungen eliminieren. Damit erhöht sich aber das Kontrahentenrisiko: Wenn der Vertragspartner nicht zahlt, gibt es ein Problem. Nach der üblichen Bilanzierungspraxis werden für die Bilanzierung von Vermögenswerten und Verbindlichkeiten traditionell die historischen Anschaffungs- oder Herstellungskosten als Bewertungsgrundlage verwendet. Damit berücksichtigt dieser Ansatz nicht die erwartete Rendite.

Anleger verlangen daher Informationen, die nicht den veralteten, sondern den tatsächlichen aktuellen Wert von Vermögenswerten und Verbindlichkeiten wiedergeben. Die Anwendung eines Fair-Value-Prinzips findet zunehmend Akzeptanz und ist in der internationalen Rechnungslegung inzwischen weitgehend üblich. Dabei werden Wirtschaftsgüter nach ihrem aktuellen Zeitwert bewertet. Dabei werden sowohl Wiederbeschaffungskosten als auch momentane Wertminderungen berücksichtigt wie zum Beispiel bei der Bewertung von Immobilien oder von gegenwärtigen Verpflichtungen zur Zahlung zukünftiger Pensionsleistungen.

Zudem ist der Zeitwert für ein Verständnis der Sicherungsgeschäfte eines Unternehmens erforderlich. Eine vollständige Angabe zu den abgesicherten wirtschaftlichen Risiken und dem Ergebnis der Sicherungsgeschäfte muss den Erfolg der entsprechenden Aktivitäten widerspiegeln und zeigen, ob das Unternehmen seine Risiken durch Minimierung der Verluste und/oder Maximierung der Gewinne aufgrund von Änderungen der Marktbedingungen gesteuert hat. Die Darstellung des Zeitwerts muss ausreichende Informationen über die Unsicherheitsfaktoren enthalten. Zum Beispiel: Beruht der Betrag auf beobachtbaren Marktpreisen oder Preismodellen und -annahmen? Wie wirken sich Änderungen von Annahmen oder der Grad der Abhängigkeit von Marktbedingungen auf die ausgewiesenen Beträge aus?

Das CFA-Institut schlägt ein Modell vor, mit dem alle im Abschluss eines Unternehmens dargestellten Einzelinformationen – Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung und Kapitalflussrechnung – in einer einheitlichen Darstellung zusammengeführt werden. Das Nettovermögen von Stammaktionären würde sich nach diesem Vorschlag wie folgt darstellen: 1. Anfangsbestand; 2. Aktivitäten, die sich auf den Wert der Vermögenswerte und Verbindlichkeiten auswirken, also Transaktionen der laufenden Periode und Änderungen des Zeitwerts; 3. Schlussbilanz.

Der grundlegende Vorteil dieser Darstellung ist, dass Investoren in der Lage sein werden, die Geschäftsaktivitäten eines Unternehmens besser zu verstehen. Mit anderen Worten: Diese Darstellungsform verknüpft Ertrags- und Aufwandsposten sowie Cash-Flows direkt mit Vermögenswerten und Verbindlichkeiten.

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