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Gastkommentar: Europäisches Kirchturmdenken

Mit dem Verbot der Börsenfusion verpasst die EU-Kommission die Chance, die Transparenz der Finanzmärkte zu stärken. Die EU muss endlich über die Grenzen hinausdenken, fordert Münchens Börsenchefin Christine Bortenlänger.

Christine Bortenlänger ist Geschäftsführerin der Börse München und Kolumnisten für Handelsblatt Online. Quelle: dpa
Christine Bortenlänger ist Geschäftsführerin der Börse München und Kolumnisten für Handelsblatt Online. Quelle: dpa

MünchenWas sich bereits seit längerer Zeit angekündigt hat, ist nun also tatsächlich eingetreten: Die obersten Wettbewerbshüter, die Kommissare der 27 EU-Staaten, haben die Fusion zwischen der Deutschen Börse in Frankfurt und der Nyse Euronext aus New York mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. Das etwa seit einem Jahr betriebene Projekt einer transatlantischen Mega-Börse war anspruchsvoll und ambitioniert. Beide Häuser stehen in ihren Ländern als Wahrzeichen für Erfolg und Prosperität mit einer großen und auch emotionalen Bedeutung für die gesamte Wirtschaft.

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Nicht ohne Grund genoss die Zukunftsvision des Frankfurter Börsenchefs Reto Francioni und seines US-Kollegen Duncan Niederauer Hochachtung in der Finanzindustrie. Denn die Branche befindet sich in einem gigantischen strukturellen Umbruch, der Wettbewerb stellt sich grundsätzlich anders dar als noch vor wenigen Jahren. Hierauf gilt es Antworten zu finden. Die Fusion hätte eine solche Antwort sein können.

In den Schwellenländern von China bis Südamerika wächst gerade auch der Finanzbereich – nach Marktkapitalisierung der gelisteten Unternehmen ist inzwischen Hongkong die führende Börse. Unter den fünf weltgrößten Banken nach Marktkapitalisierung haben drei ihren Sitz im Reich der Mitte.  Die Kräfte verschieben sich mehr und mehr. Nicht zuletzt deshalb greift meines Erachtens die Sichtweise der EU in diesem globalen Umfeld viel zu kurz, die Megabörse dominiere mittels ihrer Tochterunternehmen Eurex aus Frankfurt und Liffe aus London mit einem Marktanteil von 90 Prozent den europäischen Derivatehandel.

Doch es geht nicht nur um die Stellung im globalen Wettbewerb, es geht auch um die Bedeutung der Börsen im Spiel der Kräfte auf den Finanzmärkten. So wichtig es ist, Kartelle zu verhindern und den freien Markt zu unterstützen, eine Stärkung des Börsenhandels wäre ein dringend notwendiges und überaus zeitgemäßes Signal gewesen – auch und gerade vor dem Hintergrund der Finanzkrise und dem Ruf nach einer stärkeren Regulierung der Finanzmärkte. Börsen leisten in ihrer öffentlich-rechtlichen Ausgestaltung ein Maximum an Transparenz und sorgen für eine faire und jederzeit nachvollziehbare Preisfindung.

Längst ist es aber Tatsache, dass große Teile des Wertpapierhandels außerhalb der streng regulierten Börsen abgewickelt werden. Nicht nur die aufstrebenden Börsen in Asien sind die große Konkurrenz von Nyse und Deutscher Börse, sondern der Direkthandel (OTC-Handel) zwischen den großen Investmenthäusern sowie die meist von diesen gegründeten und betriebenen Multilateral Trading Facilities (MTFs) und Dark Pools. Im Derivatehandel etwa macht der außerbörsliche Marktanteil zwischen 80 und 90 Prozent aus. Schon deshalb ist es kaum nachvollziehbar, wenn die EU von einer marktbeherrschenden Stellung der fusionierten Börse in diesem Bereich ausgeht. Und warum wird bei einer transatlantischen Fusion nur der europäische Handel einbezogen?

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