Gastkommentar
Lockerleicht durch die Krise

Die Aktienmärkte boomen, allein der Dax hat sich 2009 fast verdoppelt. Vorbote eines Krisen-Endes? Mitnichten. Doch wir scheinen es uns in der Krise gemütlich gemacht zu haben und verlassen uns ganz auf Väterchen Staat.
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Eine Grundregel des Journalismus lautet: nie aufgrund der heutigen Zahlen den Aktienmarkt von morgen voraussagen. Auch nicht den Wechselkurs. Und schon gar nicht das Wetter. Nur bei der Klimakatastrophe darf man sich festlegen. Denn die ist weit genug weg, um so schnell nicht widerlegt werden zu können. Pessimismus funktioniert eigentlich immer gut. Der US-Ökonom Nouriel Roubini, „Dr. Doom“ genannt, hat seit Anfang 2004 den Crash vorausgesagt; es dauerte vier Jahre, bis er kam.

Zieht man eine gerade Linie ab 2009, ist der Aktienindex Dow-Jones um rund 40 Prozent gestiegen. Beim Dax sieht's noch besser aus. Der hat sich seitdem fast verdoppelt, wiewohl mit der üblichen Achterbahnfahrt. Derlei Auftrieb ist angesichts des Umfelds höchst verwunderlich. Denn seit dem Crash stecken wir in der längsten Krise seit der ganz großen in den Dreißigern.

Im Gefolge der scharfen Rezession 2008/09 bleibt das Wachstum blutlos – kein zweiter Abschwung, aber auch keine richtige Erholung. In Euro-Land steigt die Arbeitslosigkeit, in Amerika rührt sie sich kaum. Der Häusermarkt in Amerika, ein klassischer Frühindikator, schlurft vor sich hin. Der Case-Shiller-Index für Immobilien steigt zwar wieder seit Jahresanfang, aber im jüngsten Berichtsmonat fielen die Preise für neue Einfamilienhäuser um satte 8,4 Prozent.

Diese Daten wollen nicht zu den rosigen Zahlen des Dow und Dax passen. Die Händler sind um Antworten nicht verlegen. Wo sonst hin mit dem Geld, wenn die Zinsen für Staatspapiere am Boden liegen, gar zum Negativen tendieren? In Amerika zeigen die historischen Charts (1983-1999) eine geradezu perfekte Korrelation: Renditen runter, Aktien hoch.

Die zweite Antwort ist ebenfalls ein Klassiker: Der Aktienindex ist ein feiner Frühindikator – wie im Zeitungsgewerbe das Anzeigenaufkommen. Demnach blitze schon das Licht am Ende der Geisterfahrt auf. Ein heller Funken: steigende Exporte aufgrund des sinkenden Euros, und nirgendwo mehr als in Deutschland. Das Ifo-Institut sagt für dieses Jahr einen Leistungsbilanzüberschuss von 210 Milliarden voraus. Damit sei Deutschland gut positioniert, wieder die Höhen vor dem Crash zu erklimmen.

Also wird alles wieder gut? Das will nicht einleuchten. Nehmen wir Amerika, die größte Wirtschaft der Welt. Die eigentliche Rezession, die von 2008/09, liegt zwar schon drei Jahre zurück, aber sie war die längste der Nachkriegszeit, die tiefe Risse in die Wirtschaft geschlagen hat. Und die Schwester des Realabschwungs, die Finanzkrise, ist quicklebendig. Von seinem historischen Durchschnittswachstum von 3,5 Prozent kann das Land nur träumen. In der Euro-Zone liegt das Wachstum praktisch bei null; nur Deutschland wächst leise – 2012 um ein Prozent, sagt die Bundesbank voraus.

Doch sind das bloß Momentaufnahmen der Konjunktur, die die Auguren nicht zu großen Sprüchen über die nächsten zwei, drei Jahre hinreißen sollten. Umso weniger, als über allem ein weltweites Schuldengebirge steht, das trotz aller tapferen Befestigungsbauten jederzeit ins Rutschen geraten könnte, zum Beispiel, falls Griechenland aus dem Euro flüchtet. Dazu ein astronomischer Liquiditätsüberhang, den die US-Notenbank Fed und die EZB seit dem Crash aufgehäuft haben. Schließlich: Es geht nicht voran mit den Reformen im Club Med, zumal in den versteinerten Arbeitsmärkten. Stattdessen hören wir das immer lautere Getrommel namens „Schuldenunion“, bei dem nun auch die SPD mitmacht – siehe Gabriel und Steinbrück.

Reformunlust und Stagnation heute, Superinflation morgen – und trotzdem freundlich lächelnde Aktienmärkte. Ein Schelm, der behauptet, das Paradox knacken zu können. Ein Versuch sei dennoch gewagt. Kann es sein, dass wir das Ungemach eingepreist, uns in der Krise eingerichtet haben? Dass wir glauben, der Patient – EU und USA – werde schon nicht ins Koma fallen, weil die Bandagen und Transfusionen stets erneuert werden?

Erst ein Konjunkturpaket, dann das nächste. Erst ein QE („quantitative easing“) bei der Geldmenge, dann die zweite. Die Maastricht-Verträge verbieten das Heraushauen? Wir machen es trotzdem. Die EZB darf nicht die Schulden der Wackelstaaten direkt aufkaufen? Dann auf dem Sekundärmarkt. Oder noch besser: Wir bauen uns einen ESM (Europäischen Stabilitätsmechanismus), der auf dem Primärmarkt interveniert. Natürlich nur gegen ein Sanierungsprogramm. Doch haben die Pleitiers längst begriffen, dass sie am längeren Hebel sitzen. Niemand will die Währungsunion platzen lassen, schon gar nicht die deutsche Kanzlerin, die eine rote Linie nach der anderen aufgibt.

Fazit: Der Staat wird's richten, weil er es seit bald vier Jahren tut. Also machen wir es uns in der Krise gemütlich. „Passt schon“, sagt der Bayer. In „Vom Winde verweht“ tröstet sich Scarlett O'Hara mit dem Schlusssatz: „Und wenn schon. Morgen beginnt ein neuer Tag.“

Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Quelle: picture alliance / ZB
Josef Joffe
Die Zeit / Herausgeber

Kommentare zu " Gastkommentar: Lockerleicht durch die Krise"

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  • Ich find das gut, dass der Josef jetzt beim Gabor schreibt. Könnt ihr vielleicht noch den Matthias und den Henryk aufnehmen in eure Selbsthilfegruppe? Danke!

  • Würde der Staat, wie es ihm eigentlich zustände, sein eigenes Geld aus der Luft schöpfen und dieses Monopol NICHT den Privatbanken überlassen,
    müsste er es sich nicht für teures Geld = ZinsesZins borgen und wir bräuchten dann ALLE KEINE Steuern zu bezahlen.

    Unser GANZES Leben wird also nicht von der Politik, sondern von den Banken bestimmt.

    Die wirkliche Krise hat noch gar nicht begonnen.

  • Lieber Autor: Basis für die Entwicklung von Finanzmärkten sind Fakten und Möglichkeiten. Die Fakten haben Sie soeben aufgezählt, an den Möglichkeiten verzweifeln Sie. Wenn Ihnen das zu kompliziert ist, dann einfacher: Fakten können Sie als Wissen verbuchen, Möglichkeiten als Nicht-Wissen. Seit 2007 ist aber unser Nicht-Wissen größer als unser Wissen (lässt sich zeigen). Damit sind wir viel näher am Casino als am Sparbuch. Kurz: Seit 2007 zocken wir alle, das verunsichert, bis auf die Sparbuchinhaber.

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