Gastkommentar: Ordnungspolitik
Die Börse macht die Wirtschaft krank

Kollektive Angst- und Panikreaktionen kennen wir nicht nur aus der Psychologie. Sie beherrschen auch die gegenwärtige Stimmung im Land.

Den engen Zusammenhang von Psychologie und Wirtschaft will Helmut Kohl von Ludwig Erhard gelernt haben. Ist das nur oberflächliches „Politspeak“, oder sind Erkenntnisse der Psychiatrie und Psychologie hilfreich bei der Analyse wirtschaftlicher Prozesse? Und wenn sich individuelle und wirtschaftliche Krankheitsbilder gleichen – was folgt daraus für die Behandlung? Der Ökonom und Psychoanalytiker Fritz B. Simon verlässt dabei zur Klärung die engen wissenschaftlichen Fachgrenzen. Sein Aufsatz findet sich in dem sehr lesenswerten Band „Die andere Intelligenz“ und wird von dem Unternehmensberater Bernhard von Mutius herausgegeben (Klett-Cotta-Verlag).



Eine Beschreibung der depressiven Symptomatik liest sich wie ein Lehrbuch für Makroökonomie: Depressive erleben sich selbst als niedergeschlagen und depressiv verstimmt; als initiativ-, freud- und lustlos, müde, ohne Energie und Antrieb; häufig werden Verarmungsängste entwickelt.



Auf die Depression folgt in zeitlichem Abstand und wiederkehrend manische Aktivität: Die sonst kraftlosen Patienten strotzen vor Energie, sehen die Zukunft rosig, packen die gewagtesten Zukunftsprojekte an: Der Hilfsarbeiter bestellt den Ferrari, der Mittelständler greift nach dem Weltmarkt. Überschäumendes Selbstgefühl und grenzenloses Selbstvertrauen sind durch keinerlei Realität zu bremsen.



Die Abfolge von Depression und Manie – erinnert Sie das an das Wechselbad von Schampus und Lebertran an der Börse? Wenn es zu einer Gleichschaltung des Verhaltens der Marktteilnehmer kommt, erfolgt der Übergang vom medizinischen Einzelphänomen zur gesellschaftlichen Verfasstheit, also von der klinischen Mikroökonomie zur Makroökonomie.



Die jüngste Börsenvergangenheit offenbart erstaunliche Parallelitäten: Kaum ein Börsianer, Banker oder Publizist, der sich Anfang des Jahrtausends dem Wahn der immerfort steigenden Kurse entziehen konnte; heute geradezu unanständig lesen sich die damaligen Analysen, die die Begrenzungen der Betriebswirtschaftslehre und Bewertungsmaßstäbe für ausgehebelt erklärten. Und weil alle dasselbe erhofft haben, erhielten auch alle Recht – zumindest vorübergehend: Die Hausse nährt die Hausse, steigende Kurse finanzieren private Nachfrage und Firmenübernahmen wie bei Mannesmann/Vodafone. Im Höhepunkt der mentalen Gleichschaltung, so Simon, agiert die Gesamtheit der Marktteilnehmer wie ein einziges Subjekt.



Zum manisch-depressiven Markt wird das Ganze, wenn es zur Gleichschaltung des Verhaltens der Marktteilnehmer auch in der Baisse kommt, die sich bekanntlich auch selbst nährt. Die Kurse hinken dann den Gewinnen hinterher. 78 Prozent der Deutschen, so eine Umfrage von „Euro“, erwarten derzeit keinerlei Wirtschaftsaufschwung. Während in ganz Europa die Erweiterung um neue Mitgliedstaaten mit Feuerwerken und Volksfesten gefeiert wird, ängstigen die Deutschen sich um Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit. Verarmungsängste lähmen die Nachfrage. Jeder hat zumindest einen guten Grund, depressiv zu sein, weil nämlich alle anderen auch Gründe dafür sehen. Während im Einzelfall das manisch-depressive Muster zur Selbstzerstörung durch Größenwahn oder Suizid führen kann, pendelt das kollektive Verhalten zwischen Boom und Pleite.



Für die Wirtschaftspolitik stellt sich nach der Analyse Simons die Frage, wie die Ausschläge gebremst, das Verharren in der wirtschaftlichen Dämmerung verkürzt, wie also die Gleichschaltung der wirtschaftlichen Erwartung durchbrochen werden kann. Der Keynes-Trick mit höherer Staatsverschuldung, wie ihn derzeit die Regierung Schröder überlegt, funktioniert nicht, weil er als solcher längst durchschaut wurde und wie gutes Zureden Depressive in eher noch negativere Gemütsverfassungen stößt.



Ordnungspolitisch bedenklich und damit umzukehren ist ein anderer Sachverhalt: Die Krise wird durch den seit wenigen Jahren vorherrschenden Glauben an die Rationalität der Börse verschärft. Wenn alle an das Zucken der Indizes glauben und gleichzeitig Dax und Dow sich zunehmend parallel bewegen, dann kommt es zu einer perfiden Gleichschaltung des Denkens und der jeweiligen Erwartung über alle Unternehmen, Branchen und Volkswirtschaften hinweg. Zunehmend wird der Börsenkurs nicht objektives Abbild des wirtschaftlichen Geschehens, sondern eher eine Art hysterische Fieberkurve, getrieben von überhitzten Phantasien (vulgär: Gewinnerwartungen) der Analysten und Banker. Wenn dieser Börsenkurs aber Maßstab wirtschaftlichen Erfolgs ist, führt eine daran orientierte Unternehmenswertentwicklung in die Irre. Rezepte, die etwa von der Corporate-Governance-Kommission angeboten werden, wirken gar paradox und krisenverstärkend: Mehr Transparenz durch entsprechende Vorschriften bewirkt nur, dass das Maß an Gleichschaltung erhöht wird – die Marktteilnehmer können sich nicht mehr der Illusion hingeben, sie ganz allein wüssten als Insider besser Bescheid.



Die Börse verschärft die Krisenanfälligkeit, wenn auch kleinere Unternehmen oder Familienunternehmen mit dem volatilen Börsengeschehen vernetzt werden. Der Frankfurter Managementcoach und Psychoanalytiker Christian Schneider sieht darin den Kern möglicher Katastrophen: Entlarvt sich das labile Glaubensbekenntnis immer währender Kurssteigerungen der Börsengemeinde als haltlos, dann brächen auch die unsichtbaren, „libidinösen“ Verstrebungen zusammen, die der virtuellen Gemeinschaft der Shareholder- Value-Gläubigen Sinn und Halt vermitteln. Die Folge könnten kollektive Angst- und Panikreaktionen wie die des Schwarzen Freitags sein.

Roland Tichy ist Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins „Euro“

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