Gastkommentar
Stromnetz im Dauerstress

Der Normalbetrieb für das Elektrizitätsversorgungssystem muss eingehalten werden, wenn eine Energiewende gelingen soll. Maßnahmen von Energieaufsichtsbehörden und der Bundesnetzagentur müssen mithelfen.
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Der EU-Vertrag von Lissabon stellt Europa vor die Herkulesaufgabe, den Elektrizitätsmarkt zu entwickeln, die Integration der regenerativen Energie zu bewältigen, das grenzüberschreitende Netz der (380 KV)-„Stromautobahnen“ auszubauen und dabei jederzeit eine ausreichende Energieversorgungssicherheit zu gewährleisten. Für Deutschland ist das eine besondere Herausforderung, da es in der Mitte dieses elektrischen Verbundsystems liegt und dabei ist, eine ambitionierte Energiewende umzusetzen.

Entscheidend ist, dass in diesem Transformationsprozess der Normalbetrieb für das Elektrizitätsversorgungssystem eingehalten werden kann. Wir sollten nicht über Blackouts reden, sondern über den Stressbetrieb. Während ein stabiles Elektrizitätssystem die Fähigkeit hat, bei jeglichen Störungen in den normierten Betriebszustand zurückzukehren, stellt sich beim Stressbetrieb die Situation gänzlich anders dar. Dies gilt vor allem dann, wenn es sich um das zeitgleiche Auftreten von häufigen, intensiven und anhaltenden Stresssituationen an mehreren Stellen des Systems handelt. Dann genügt der berühmte Tropfen, der das Glas zum Überlaufen bringt. Die dann lawinenartig ablaufenden Vorgänge wären nur noch schwer steuerbar.

Die aktuelle Situation ist in der Tat durch eine hohe und anhaltende Stressbelastung gekennzeichnet, die auch in das europäische Elektrizitätssystem hineinstrahlt. So wurden 2011 allein in Ostdeutschland an 212 Tagen Eingriffe vorgenommen. An jedem zweiten Tag des Jahres herrschte Stressbetrieb mit erheblichen Einschränkungen des freien Elektrizitätsmarkts. Das setzt sich dieses Jahr mit zunehmender Tendenz fort.

Die Intensität dieser Eingriffe ist an den enorm gestiegenen finanziellen Aufwendungen für Ausgleichs- und Kompensationsmaßnahmen ablesbar. Gegenüber den von der Bundesnetzagentur veröffentlichten Ergebnissen aus dem Jahr 2011 sind die Ausgaben in den letzten Monaten erneut drastisch gestiegen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Kapazität dieser Maßnahmen begrenzt ist.

Aufgrund des für die neuen Aufgaben noch viel zu schwach ausgebauten innerdeutschen Stromsystems kommt es zunehmend zu Beeinträchtigungen der Netze der europäischen Nachbarstaaten, wie zum Beispiel in Polen. Zahlreiche Schreiben der zuständigen Verantwortlichen, aber auch Interventionen der Nachbarländer belegen dies. Es ist also fehl am Platze, mit einseitigen Schuldzuweisungen oder unhaltbaren Bagatellisierungen die Situation zu beschönigen.

Vielmehr müssen Energieaufsichtsbehörden der Länder und die Bundesnetzagentur mithelfen, Maßnahmen durchzusetzen, um baldmöglichst in einen Normalbetrieb zurückzukehren. Dazu ist kurz- und mittelfristig nicht nur eine technische und regulatorisch-wirtschaftliche Stabilisierung des Systems erforderlich, sondern auch ein unverzüglicher Bau der im Energieleitungsausbaugesetz von 2009 festgelegten 24 deutschen Vorrangvorhaben.

Der Autor ist Chef der Deutsche Energie-Agentur (Dena). Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com


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