Gastkommentar
Wer bezahlt die Enteigneten?

Nahverkehr zum Nulltarif und kostenlose Kopien: Das Programm der Piraten enthüllt eine krause Logik. Wer jetzt die Aufsteigerpartei wählen will, bucht eine Fahrt auf dem Geisterschiff.
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Das Klügste zu den neuen Freibeutern liefert der Tatort-Regisseur und Drehbuchautor Niki Stein in der „FAZ“: „Unter Piraten“. Der Mann lebt vom Verkauf seines geistigen Eigentums, das die Aufsteiger vergesellschaften wollen - wie einst die Kommunisten die Produktionsmittel. Die Piraten sind die Nachfahren des Anarchisten Proudhon (1809-1865), der mit: „Eigentum ist Diebstahl“-Ideologie Geschichte gemacht hat. Konsequent hat er den Spruch selbst geklaut - von Jacques Pierre Brissot, dem französischen Revolutionär.

Niki Stein dekonstruiert die krause Logik, welche die Piraten - so bei ihrem Parteitag am Wochenende - in einer Suppe aus Bürokraten-Sprech und postmarxistischem Geschwurbel auftischen. O-Ton: „Die fundamentale Chance des digitalen Zeitalters ist die Möglichkeit, Information ohne Kosten beliebig zu reproduzieren und zur Verfügung zu stellen. Die tradierten Wege, die Produzenten ... in Abhängigkeit von der Zahl der Kopien ihrer Arbeit zu entlohnen, sind dadurch ad absurdum geführt.“

Unser verdutzter Autor sagt's auf Deutsch: Er hat zwar viel Zeit und Gehirnschmalz investiert, aber weil man seine Filme endlos kopieren kann, dürfe er dafür nicht mehr entlohnt werden. Was offen herumliegt, gehört allen - wie im Kaufhaus oder auf dem Erdbeerfeld. Allein der Versuch, das Eigentum anderer zu schützen, etwa durch Ladendetektive und Kameras, erzwinge den Polizeistaat. Also: keine Kassen, keine Gerichte. Greift ab!

Aber nicht grämen, trösten die Piraten die „Arbeiter der Informationsgesellschaft“. Wenn die „ständige Verfügbarkeit und beliebige Reproduktion des gesammelten Wissens der Menschheit genutzt“ werden kann, „erhöht dies die Produktivität“ und „steigert die Effizienz des Schaffungsprozesses“.

Diese originelle Theorie besagt, dass der Schaffende, der sich doch aus der Allmende des Menschheitswissens bediene, nicht so laut „Enteignung!“ brüllen möge. Wenn jeder - Autor oder User - gratis gucken und kopieren kann, werde der Kreative nicht etwa ärmer, sondern besser. Und berühmter, weil ihm das Netz Reklame für lau verschaffe, mithin ein immer größeres Publikum. Bloß kriegt er dafür nichts - allenfalls einen Auftritt in der Talkshow. Leider kann er vom 15-Minuten-Ruhm nicht leben. Irgendjemand muss ihm den neuen Laptop bezahlen.

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  • Auch die Piraten wollen das die Urheber entlohnt werden.
    Als jemand mit abgeschlossenen BWL-Studium halte ich ihnen entgegen: Das jedem 15. Jährigen klar sein dürfte, das ein Gesetz aus dem 18 Jahrhundert auch auf der Technik des 18. Jahrhunders bassiert. Eine Reform ist Überfällig:
    - Es ist ein Unding, dass man bei baulichen Veränderungen den Ursprungsarchitekten um Erlaubnis fragen muss. Die Deutsche Bahn ist so wegen der Verkürzung ihres eigenen Glastunnels verklagt worden.
    - Ein Urheberrecht an einem Buch erst nam 70 Jahren nach seinem Tod erlischt. Dies hat zur Folge das sie heute nicht mal eine Kommentiertes Exemplar (um die Falschheit des geschrieben zu verdeutlichen) von Hitlers Werk mein K(r)ampf herausgeben dürfen.
    - Ein Urheber nicht mal auf seine Rechte FREIWILLIG verzichten darf wenn er es möchte. (Im Internet soll meistens nur die Information weitergetragen werden)
    - Sie sich ein Kunstwerk für 50.000 Euro kaufen können, aber es nicht fotogravieren dürfen um der Welt zu zeigen dass sie es haben.

  • Teilen bedeutet Bereicherung (auch emotional und spirituell)

  • Wenn ich sehe,was im angloamerikanischen Raum in Bezug auf freies Wissen ( offen zugängliche akademische Inhalte etc) geschieht , dann kann ich nur sagen : wir hinken 10 Jahre hinterher,statt kreativ zu sein und die Möglichkeiten zu nutzen.Die Frage nach Eigentum ist eine ideologische.
    Man könnte Künstlern und Autoren auch so etwas wie ein persönliches Budget geben,damit sie der Allgemeinheit unabhängig von Zwangsverträgen ihr Können und Wissen zur Verfügung stellen.Kaum jemand traut sich,zu begreifen,was Teilen bedeutet und daß dies nicht zwingend etwas mit Enteignung zu tun haben muss,sondern mit Bereicherung der Kultur und gleichen Chancen für alle,daran teilzuhaben.

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