Gazprom
Ein Bärendienst

Es gibt Kinder, die lernen es nie: Auch nachdem sie sich einmal auf der heißen Herdplatte die Finger verbrannt haben, versuchen sie es später noch einmal. Als ein solches Kind geriert sich der russische Gasmonopolist Gazprom.

Er will beweisen, dass seine Finger stärker sind als der Herd. Zu Beginn dieses Jahres hatte Gazprom im Preiskrieg mit der Ukraine dem Nachbarn den Gashahn zugedreht. Weltweite Proteste waren die Folge. Denn im Kampf um die Vorherrschaft über die Nachbarstaaten setzt Moskau Energielieferungen erbarmungslos als Waffe ein. Und nun soll es Weißrussland treffen. Und wieder tischt Russland das alte Argument auf: Wenn ein Kunde nicht über einen angeblich marktgerechten Preis verhandeln will, dann wird er ihm eben diktiert. Doch dass dies ziemlich fadenscheinig klingt, zeigt das Beispiel Sachalin: Kaum hatten Shell und seine japanischen Partner die Mehrheit an ihrem gigantischen Förderprojekt vor der russischen Pazifikinsel an Gazprom abgetreten, wurden alle bis dahin gegen die Ausländer vorgebrachten Umweltbedenken weggewischt.

Gazprom ist Russland, heißt ein Sprichwort in Moskau. Und es beschreibt genau die Realität. Denn das rigorose Agieren des staatlich gelenkten Konzerns im Stil eines selbstherrlichen Zaren beweist: Russland ist nach wie vor alles andere als ein Rechtsstaat. Und deshalb kann auch Gazprom kaum an Vertrauen gewinnen, selbst wenn der Staatskonzern seine Energielieferungen in Richtung Westen ausweiten will. Spätestens nach den aktuellen Drohungen gegen Weißrussland müssen die westeuropäischen Länder daraus die Lehren ziehen: Es gilt, dringend nach Alternativen zum Lieferanten Russland zu suchen. Somit erweist Gazprom Russland einen Bärendienst.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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