Geldmarkt
Kommentar: Offene Schleusen

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Kredite von fast 350 Milliarden Euro hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Banken für ihren Bilanzstichtag zum Jahresende zur Verfügung gestellt. Das ist fast das Doppelte dessen, was sie in normalen Zeiten zugeteilt hätte. Eine Subvention ist das nicht, die EZB verdient Geld damit, den Banken Kredit zu geben.

Dass die Aktion notwendig wurde, zeigt, wie groß die Verdrückung bei manchen Banken ist, die ihre Investments in ebenso zweifelhafte wie innovative Finanzinstrumente refinanzieren müssen. Die EZB kann jedoch kein Interesse daran haben, aus solchen Gründen die Geldmarktsätze nach oben schießen zu lassen. Manche Bank hätte es zwar durchaus verdient, für die Kredite, die sie jetzt braucht, deutlich höhere Zinsen zu bezahlen. Doch es gibt nichts, was die Banken daran hindern würde, die höheren Refinanzierungskosten auf ihre Kreditkunden zu überwälzen. Wenn die EZB einen Leitzins von vier Prozent für angemessen hält, darf sie nicht zulassen, dass die für die Finanzierungskosten der Wirtschaft relevanten Sätze fast einen ganzen Prozentpunkt höher liegen.

Zurücklehnen kann sich die EZB nun nicht. Die Kredite, die sie jetzt zugesagt hat, helfen den Banken über den kritischen Bilanzstichtag hinweg. Aber im Januar werden die Finanzierungsnöte nicht verschwunden sein. Das sieht man daran, dass Dreimonatskredite unter Banken immer noch 4,85 Prozent kosten. Wenn es nur um die nächsten zwei Wochen ginge, gäbe es dafür keinen Grund.

Auch wenn es der Notenbank aufgrund der derzeit zu hohen Inflationsrate schwer fällt, wird sie auf Dauer nicht umhin kommen, sich mit dem Thema Zinssenkung zu befassen. Denn eine Konjunktur, die sich bereits abschwächt, verträgt diese hohen Finanzierungskosten auf Dauer nicht gut.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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