Geldpolitik
Bernanke als Schutzengel

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Besser kühn als zu vorsichtig. Mit diesem Rezept versucht die US-Notenbank (Fed), ein Übergreifen der Kreditkrise auf den Rest der Wirtschaft zu verhindern. Deshalb hat die Fed die Leitzinsen Mitte September gleich um einen halben Prozentpunkt gesenkt und damit die Erwartungen der Finanzmärkte noch übertroffen. Zugleich hatte Fed-Chef Ben Bernanke gehofft, er könne mit diesem Schritt der Krise ein Stück vorauseilen und seinen weiteren Kurs von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängig machen. Falsch gedacht!

Sechs Wochen später befindet sich die Notenbank in einer ähnlich prekären Lage wie im September. An den Finanzmärkten ist eine weitere Zinssenkung bereits voll in den Kursen enthalten: Mindestens ein Viertelprozentpunkt muss es sein, besser noch etwas mehr, suggeriert die Wall Street. Die Aktienmärkte fordern neuen Treibstoff, denn das nur mäßige Gewinnwachstum der Firmen kann das hohe Kursniveau an den Börsen nicht mehr stützen. Die Kreditmärkte fordern eine weitere Liquiditätsspritze, um mit der Subprime-Seuche fertig zu werden. Und das Weiße Haus und der Kongress hoffen ohnehin darauf, dass die Fed die Not vieler Hausbesitzer ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl lindert.

Ökonomisch betrachtet, gibt es dagegen kaum einen Grund für eine weitere Zinssenkung zum jetzigen Zeitpunkt. Die Lage auf dem Immobilienmarkt hat sich zwar weiter zugespitzt, für ein Übergreifen der Krise auf den privaten Konsum gibt es jedoch kaum Hinweise. Die Beschäftigung steigt immer noch solide, und mit einem Plus von etwa drei Prozent dürfte die US-Wirtschaft ihr Wachstumspotenzial im dritten Quartal nahezu ausgeschöpft haben.

Bernanke & Co. haben am Mittwoch deshalb nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Folgen sie dem Lockruf der Märkte und senken erneut die Zinsen, verstärken sie den fatalen Eindruck, die Notenbank sei der Schutzengel der Investoren. Bei der nächsten Sitzung Mitte Dezember werden die süchtigen Finanzprofis wieder Schlange stehen und rufen: „Wir wollen mehr.“ Bleiben die Zentralbanker dagegen standhaft, riskieren sie eine Panikattacke auf den Finanzmärkten, die auch die übrige Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen könnte.

Vermutlich wird die Fed versuchen, sich mit einem verbalen Trick aus dieser Zwickmühle zu befreien. Die Notenbanker könnten die Leitzinsen um einen Viertelprozentpunkt senken und zugleich mit deutlichen Worten die Hoffnungen auf eine weitere Lockerung dämpfen. Ganz zuschlagen darf Bernanke die Tür für Zinssenkungen aber nicht, dafür ist die konjunkturelle Lage zu brenzlig.

Vorsicht ist normalerweise das Credo jedes Zentralbankers. Bernanke hat kürzlich jedoch darauf hingewiesen, dass dies in einer Krise nicht gelten muss. Mit seinem letzten, sehr kühnen Schritt hat er nun aber Erwartungen geweckt, die er gefahrlos nicht mehr enttäuschen kann.

Der Mut der Fed wird aber nur dann belohnt, wenn sie nach Ende der Krise bereit ist, die Zinsen im gleichen Tempo wieder zu erhöhen. Die historischen Erfahrungen nach der Finanzkrise 1998 und der Rezession 2001 zeigen jedoch, dass sich die Notenbank viel leichter damit tut, Geschenke zu verteilen, als sie wieder einzusammeln.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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