Geldpolitik
Bernankes Charmeoffensive

Die Sitzungen der US-Notenbank Federal Reserve waren einmal die hohen Messen der US-Geldpolitik: Wenn sich die Herren über den Leitzins in den USA früher zu ihren turnusmäßigen Sitzungen trafen, hielt die Finanzwelt den Atem an und horchte auf die Entscheidung. Heute muss der Fed-Chef um sein Amt kämpfen.
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Sie waren einmal die hohen Messen der US-Geldpolitik: Wenn sich die Herren über den Leitzins in den USA früher zu ihren turnusmäßigen Sitzungen trafen, hielt die Finanzwelt den Atem an und horchte auf die Entscheidung, obwohl deren in der kryptischen Sprache einer akademischen Sekte verfasste Begründung bestenfalls einer kleinen Gruppe Eingeweihter verständlich war.

Der heute und morgen wieder einmal tagende Offenmarktausschuss der US-Notenbank (Fed) hat zwar seine Macht über die Finanzierungskosten der weltgrößten Volkswirtschaft nicht verloren. Aber seit Fed-Chef Ben Bernanke mit einer in der Geldpolitik zuvor unvorstellbaren Charmeoffensive durch die Lande zieht, um bei Otto Normalbürger um Zustimmung zu werben, wirkt das Treffen fast wie eine Randerscheinung.

Bernanke hat den Kampf um die öffentliche Meinung aufgenommen, um die sich viele seiner Vorgänger kaum gekümmert haben. Als erster Fed-Chef seit der Gründung der Institution 1913 gab er in diesem Sommer ein großes Live-Interview im Fernsehen und beantwortete in der Provinz des Bundesstaates Kansas in einem Townhall-Meeting die Fragen der Bürger. Zudem erstellt die Notenbank seit neuem Verbraucherbroschüren wie " Fünf Tipps für den Abschluss einer Hypothek". Und wichtige Fed-Konzepte wie die Strategie zum Rückbau der Krisenmaßnahmen verkündet Bernanke zuerst in einem Gastbeitrag im "Wall Street Journal" und nicht bei einem offiziellen Auftritt. Dabei spricht der ehemalige Princeton-Professor Klartext und unterscheidet sich damit wohltuend von Vorgänger Alan Greenspan.

Kritiker werfen Bernanke vor, er wolle lediglich die Bestellung für eine zweite Amtszeit ab Januar 2010 vorbereiten. Aber das dürfte nur ein Teil der Wahrheit sein. Tatsächlich wird er auch begriffen haben, dass er in diesen turbulenten Zeiten ohne öffentliche Unterstützung weder den anstehenden Kampf gegen die Inflation noch die Auseinandersetzung um die Unabhängigkeit der Fed gewinnen kann.

Denn für Bernanke stehen schwere Entscheidungen an. Nachdem er mit Hilfe der Gelddruckmaschine und Leitzinsen von faktisch null Prozent einen Kollaps des Finanzsystems und ein Abgleiten der Wirtschaft in eine Rezession verhindert hat, wird er bald zur Bekämpfung der Inflation übergehen müssen. Die Konjunktur sendet bereits Erholungssignale. Es stehen also irgendwann Leitzinserhöhungen an, die vielen der immer noch angeschlagenen Firmen wehtun und die Schaffung neuer Arbeitsplätze hinauszögern werden.

Ein Aufschrei der ohnehin ausgesprochen kritisch eingestellten Parlamentarier in Washington ist zu erwarten. Denn das von der akademischen Welt gelobte Krisenmanagement der Fed ist bei vielen in Washington vor allem als Rettungsaktion für "gierige Wall-Street-Banker" angekommen. "Warum sollten sie (die Notenbanker) unabhängig sein? Warum sollte sie willkürlich Geld drucken können, nur um ihre Freunde zu retten?" fragte jüngst Ron Paul, ein republikanisches Mitglied des Repräsentantenhauses. Für sein Gesetzesvorhaben "Kontrolliert die Fed" hat er bereits über 240 Unterstützer unter den Parlamentariern gefunden. Er fordert nicht weniger als die Abschaffung der Fed und die Übernahme der Geldpolitik durch den Kongress.

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