Geldpolitik
Dämme gegen Inflationswelle hoch genug

Die Angst vor einer hohen Inflationsrate im Euro-Raum wächst, beim genauen Hinsehen zeigt sich aber, dass dass die Flutwelle so hoch nicht ist. Und dass die Dämme der Inflationsbekämpfung reichen dürften, sie abzuhalten.

Der erste Weckruf kam zum Jahreswechsel. Die Inflationsrate im Euro-Raum schnellte auf 2,2 Prozent hoch. Der zweite kam am Dienstag vom Gouverneur der Bank von England, Mervyn King. Der sagte voraus, dass die Inflation in Großbritannien von derzeit 3,7 Prozent auf vier bis fünf Prozent steigen werde. Dennoch glaubt er, alles richtig gemacht zu haben mit seiner extrem lockeren Geldpolitik, und will bis auf weiteres nichts daran ändern, ebenso wie der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet. Doch in China beträgt die Inflationsrate schon fast sechs Prozent. Und die US-Notenbank, die mit ihrer Nullzinspolitik und massiven Aufkäufen von Staatsanleihen in riesigem Ausmaß Liquidität in den globalen Wirtschaftskreislauf pumpt, macht keine Anstalten, damit aufzuhören. Schwappt eine Welle der Geldentwertung auf Europa zu wie in den 1970er-Jahren?

Bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass die Flutwelle so hoch nicht ist. Und dass die Dämme der Inflationsbekämpfung reichen dürften, sie abzuhalten. Ein halber Prozentpunkt der Inflationsrate im Euro-Raum geht auf die Erhöhung indirekter Steuern in klammen Euro-Staaten zurück. Das ist eine Art der Preissteigerung, gegen die die Geldpolitik nichts machen kann und auch nicht sollte. An der britischen Inflationsrate haben die Steuern einen noch höheren Anteil. Noch ein paar Zehntel gehen auf die Abschwächung des Euro-Kurses beziehungsweise die massive Abwertung des Pfundes in den letzten 15 Monaten zurück. Diese Abwertungen haben aufgehört, Euro und Pfund werden wieder stärker. Das wird sich mit Verzögerung auch auf die Verbraucherpreise auswirken. King und Trichet haben daher durchaus Grund zu der Zuversicht, dass die Inflation in wenigen Monaten wieder sinkt.

Das Einzige, was ihnen einen Strich durch die Rechnung machen könnte, wäre eine längere Fortsetzung der Öl- und Rohstoffpreishausse. Die Märkte sind viel zu flatterhaft und neigen viel zu sehr zu Übertreibungen, als dass man das ausschließen könnte. Doch gibt es wenig Grund, auf die pure Möglichkeit hin jetzt schon zu reagieren. Anders als ein von überzogenen Lohnerhöhungen getriebener Inflationsschub, der sich selbst verstärkt, stellt importierte Inflation einen Kaufkraftentzug für die Binnenwirtschaft dar. Kommt der Preisauftrieb bei den Rohstoffen zum Ende, so ist damit in der Regel auch der Inflationsauftrieb zu Ende. Was bleibt, ist eine geschwächte Konjunktur.

In den 1970er-Jahren war es zwar einmal anders, aber die Bedingungen in der Lohnpolitik haben sich geändert, die Gewerkschaften haben dazugelernt. Wenn in den letzten 25 Jahren die Ölpreise kräftig stiegen, kam es jeweils nicht zu einer Lohn-Preis-Spirale, sondern zu einer mehr oder minder ausgeprägten Konjunkturschwäche. Erst wenn sich abzeichnet, dass die Lohnabschlüsse im Euro-Raum merklich über die Summe aus Inflationsziel (zwei Prozent) plus Produktivitätszunahme (ein bis zwei Prozent) hinausgehen, ist daher Inflationsfurcht angebracht und sind Gegenmaßnahmen angezeigt. Denn dann könnte es zu einer Lohn-Preis-Spirale kommen.

In Deutschland, wo die Konjunktur derzeit deutlich besser läuft als im übrigen Euro-Raum und wo die Lohnentwicklung jahrelang hinter dem Durchschnitt zurückgeblieben ist, muss man allerdings mit etwas mehr Inflation rechnen als in den übrigen Ländern des Währungsraums. Das ist für die Zukunft der Währungsunion wichtig. Denn die schwächeren Länder müssen eine Chance bekommen, etwas von der verlorenen Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen. Deutschland kann sie nicht auf Dauer preislich unterbieten.

Der Autor ist Korrespondent in Frankfurt. Sie erreichen ihn unter: haering@handelsblatt.com

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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