Geldpolitik
Der Glaubenskrieg

Die Bank von Frankreich eröffnet im deutsch-französischen und EZB-internen Streit über die Geldpolitik eine neue Front. Nachdem die französischen Präsidentschaftskandidaten seit Wochen eine wachstumsfreundlichere Politik propagieren, greift die Notenbank nun zentrale Teile der geldpolitischen EZB-Strategie an.

Es geht um die herausgehobene Stellung der Geldmenge in der Tradition der Bundesbank. Diese Auseinandersetzung hat zwar Folgen für die Geldpolitik, sollte aber nicht einfach als zinspolitisch motiviert gesehen werden. Hier geht es nicht um Wahlkampf, sondern um eine wissenschaftliche Debatte darüber, woran die EZB sich in ihrer Politik orientieren sollte. Die Angriffe französischer Politiker auf die EZB wecken gerade in Deutschland Ängste vor Einflussnahme auf die Notenbank. Ohne die an der Bundesbank ausgerichtete Verankerung der Unabhängigkeit der EZB hätte Deutschland der Währungsunion nicht zugestimmt. Bis zuletzt hegten weite Kreise der Bundesbank den Verdacht, Frankreich wolle nur den Zutritt zur Währungsunion erreichen, um dann ungehindert inflationieren zu können. Nur vor diesem Hintergrund kann man den religiösen Eifer verstehen, mit dem nun sogar um hochtheoretische Fragen wie die Stabilität der Geldnachfrage gerungen wird.

Die Bank von Frankreich hat öffentlich festgestellt, dass die Geldnachfrage nicht stabil sei. Das bedeutet, wie die Autoren unumwunden erläutern, dass man aus der Zunahme der Geldmenge nichts Zuverlässiges über die Inflationsaussichten ableiten könne. Alle anderen Notenbanken, die früher ähnlich wie die Bundesbank eine an der Geldmenge orientierte Politik betrieben, mussten dies schon feststellen und passten ihre geldpolitische Strategie ohne viel Aufhebens an und orientieren sich nur noch an der volkswirtschaftlichen Analyse. Nur die EZB, genauer ihre von ehemaligen Bundesbankern dominierte volkswirtschaftliche Abteilung, hält daran fest, dass der Geldmenge ein zentraler Platz in der Strategie der Notenbank gebührt.

Dabei geht es auch um die Zinspolitik. So sind viele Mitglieder des EZB-Rates der Ansicht, dass der Leitzins von derzeit 3,5 Prozent mindestens bis auf vier Prozent angehoben werden müsse, um mögliche Inflationsgefahren einzudämmen. Zurzeit ist das aber kaum zu vermitteln: Die Inflationsrate ist unter die Stabilitätsmarke von zwei Prozent gefallen. Den Prognosen zufolge bleibt sie auf absehbare Zeit auch darunter. Wenn man aber das Geldmengenwachstum der letzten Jahre mit dem viel niedrigeren, vermeintlich stabilitätskonformen Referenzwert der EZB vergleicht, lässt sich die Inflationsgefahr eindrucksvoll bebildern. Vielleicht ist deshalb selbst Bundesbankpräsident Axel Weber, der früher den Bezug auf die Geldmenge kritisiert hat, heute dafür, sich auch künftig daran zu orientieren. Als er noch Wissenschaftler war, trat Weber im Sachverständigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung dafür ein, dass die EZB ihre Geldmengenanalyse nicht mehr eigenständig heraushebt. Heute will er davon nichts mehr wissen.

Wer hinter der Äußerung der Bank von Frankreich tatsächlich einen akuten „Zangenangriff“ der Franzosen gegen stabilitätsorientierte Politik wähnt, sollte sich klar machen: Die Forschungen sind Teil einer breiten, schon lange bestehenden Bewegung, die auch in der EZB viele Sympathisanten hat. Viele Beobachter einer EZB-Forschungskonferenz im November gewannen schon den Eindruck, die Notenbank selbst habe sie zur Abschaffung der monetären Säule inszeniert. Die weltweit renommiertesten Kritiker wurden eingeflogen, um diese Strategie zu zerreißen. Hochrangige Mitglieder des EZB-Stabs versorgten sie über eigene Forschungspapiere mit Argumenten.

EZB-Vizepräsident Lucas Papademos stellte damals den Status der Geldmengenanalyse als eigene Säule langfristig in Frage. EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark, der um das Erbe der Bundesbank kämpft, schien auf der von Papademos’ Abteilung organisierten Konferenz auf verlorenem Posten. Nun geht der Streit in eine neue Runde. Sollten es die Modernisierer in der EZB diesmal schaffen, die alten Zöpfe abzuschneiden, die ihr immer wieder das offene Argumentieren unmöglich machen, erwiesen sie dem Renommee der Notenbank einen großen Dienst.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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