Geldpolitik
Kluge Wortwahl

Mit ihrer Entscheidung, den Leitzins auf 3,75 Prozent anzuheben, hat sich die Europäische Zentralbank (EZB) dagegen abgesichert, dass sich die Konjunktur im Euroraum noch weiter belebt und dadurch Inflationsdruck entsteht. Diesen könnte sie dann nur noch mit Mühe und zum Schaden der Wirtschaft wieder abfangen. So kann man verstehen, dass die Zentralbank eine Zinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt für notwendig erachtet, obwohl die Inflationsrate mit 1,8 Prozent genau dort ist, wo die EZB sie haben will. In den nächsten Monaten wird sie nach der Erwartung der EZB sogar noch leicht zurückgehen.

Die Zeiten, in denen die Geldpolitik fast einem Autopiloten glich, als die Zinsen so niedrig waren, dass man mit Andeutungen einer baldigen Zinserhöhung nichts falsch machen konnte, sind nun endgültig vorbei. Das sieht man schon am Vergleich des EZB-Leitzinses mit den langfristigen Zinsen am Kapitalmarkt. Dort ist die Rendite nur noch um ein Siebtel eines Prozentpunkts höher. Das zeigt, dass die Finanzmärkte damit rechnen, dass es allenfalls noch eine kleine Zinserhöhung geben wird, wenn überhaupt. Diese Erwartung ist nachvollziehbar. Schließlich ist noch keineswegs klar, wie markant die Abschwächung der US-Konjunktur verlaufen wird. Wäre sie kräftiger als in den vorherrschenden rosaroten Szenarien ausgemalt, würde das auch den Euroraum betreffen, und sei es nur in der Form einer deutlichen Euro-Aufwertung. EZB-Präsident Trichet tat daher gut daran, durch sorgfältige Wortwahl klar zu machen, dass der Zinserhöhungsimpetus des EZB-Rats nicht mehr so groß ist wie früher. Es kann durchaus sein, dass der Leitzins schon seinen Gipfel für diesen Konjunkturzyklus erreicht hat. Wenn alles gut geht, kann er aber auch noch steigen.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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