Geldpolitik
Notenbank in Fesseln

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Europas Notenbanker sind nicht zu beneiden, wenn sie am Donnerstag im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) über die weitere Geldpolitik entscheiden müssen. Einerseits ist die Inflationsrate mit 3,5 Prozent sehr hoch. Andererseits trübt sich der internationale Konjunkturausblick immer weiter ein. Die US-Notenbank Fed stand vor dem gleichen Dilemma. Die Inflationsrate ist dort mit über vier Prozent noch höher, die Gefahr für die Konjunktur noch größer. Die Fed hat sich frühzeitig klar für die Konjunkturstabilisierung entschieden und ihren Leitzins schnell um drei Prozentpunkte gesenkt. Jetzt, wo die US-Wirtschaft am Rande der Rezession steht, darf sich die Fed bestätigt sehen.

Auch wenn die Konjunktur im Euro-Raum sich bisher überraschend gut gehalten hat, wird sie nicht auf Dauer dem globalen Abschwung und dem extrem starken Euro trotzen können. Doch die EZB tut sich erheblich schwerer als die Fed, zur Abfederung des erwarteten Konjunkturabschwungs eine vorsorgliche Lockerung ihrer Geldpolitik zu beschließen. Sie hat seit Ausbruch der Subprime-Krise ihren Leitzins nicht angerührt.

Die Federal Reserve hat den Auftrag, gleichberechtigt für hohe Beschäftigung und niedrige Inflation zu sorgen. Die EZB dagegen muss der Preisstabilität Vorrang geben. Doch mit dem Auftrag allein lässt sich die unterschiedliche Handlungsweise nicht erklären. So unterschiedlich, wie sie auf den ersten Blick scheinen, sind die Handlungsspielräume der beiden Notenbanken in Wirklichkeit nicht.

In den USA spielt die normale Inflationsrate, wie sie bei uns im Vordergrund steht, kaum eine Rolle. Die Federal Reserve richtet sich nach einer mit rund zwei Prozent viel niedrigeren „Kernrate“, aus der die Kosten von Energie und Nahrungsmitteln herausgerechnet sind. Täte die EZB das auch, hätte sie es leichter. Die Kernrate liegt auch in Europa bei etwa zwei Prozent.

Die Federal Reserve hat kein konkretes Inflationsziel ausgegeben. Es gibt lediglich informelle und unverbindliche Zielvorstellungen. Die EZB hat sich dagegen selbst das ungewöhnlich ambitionierte Ziel gegeben, die Inflationsrate „unter, aber nahe bei zwei Prozent“ zu halten. Da ist selbst schon die Inflationsrate von 2,1 Prozent, die die EZB für das kommende Jahr prognostiziert, eine Zielverfehlung, die als starkes Argument gegen eine Zinssenkung betrachtet wird. Hätte die EZB sich – wie international üblich und von den meisten Experten empfohlen – ein Inflationsziel in Form einer Spanne um die Zweiprozentmarke gesetzt, dürfte sie guten Gewissens sagen, das Ziel der Preisstabilität werde voraussichtlich erreicht. Dann könnte sie sich ihrem sekundären Ziel, der Konjunkturstabilisierung, zuwenden.

Die EZB hat bewusst alle Stellschrauben so gesetzt, dass es ihr fast immer viel schwerer fallen wird, Zinssenkungen zu begründen als Zinserhöhungen. Das erhöht ihre Glaubwürdigkeit als entschlossene Inflationsbekämpferin. Der Preis, den die europäische Wirtschaft dafür zahlt, liegt darin, dass geldpolitische Lockerungen zur Abfederung von Abschwüngen in der Regel später als nötig kommen und schwächer als möglich ausfallen. In Anbetracht der beträchtlichen Glaubwürdigkeit, die sich die EZB inzwischen erarbeitet hat, ist fraglich, ob sie diesen Preis für noch mehr Glaubwürdigkeit tatsächlich bezahlen sollte.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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