Geldpolitik: Ohne Schutzschild

Geldpolitik
Ohne Schutzschild

Gute Geldpolitik zu betreiben ist nicht leicht, wenn man sich Wahlen stellen muss. Gewissermaßen nach dem Motto: Was juckt mich eine höhere Inflation danach, wenn ich mit einer lockeren Geldpolitik die nächste Wahl gewinnen kann. Deshalb sind Notenbanken fast überall unabhängig von der Politik. Das macht sie aber nicht unabhängig von der öffentlichen Meinung. Und wenn die Einwände gegen Stabilitätspolitik geltend macht, können sich Notenbanken nicht dauerhaft widersetzen.

Deshalb ist Kommunikation mit der Öffentlichkeit für Zentralbanken so wichtig. Und deshalb haben sie die Geldmengensteuerung erfunden, als ihre Unabhängigkeit noch brüchig und die Inflation noch nicht besiegt war. Zu einer Zeit, als man noch an keynesianische Rezepte glaubte, war es nicht leicht für eine Notenbank, offen darüber zu reden, dass sie eine Rezession herbeiführen wollte, um die Inflation in Griff zu bekommen. Sich auf die Geldmenge zu konzentrieren und die Wirtschaftsentwicklung aus der Argumentationskette herauszuhalten war die sicherere Option.

Die Bundesbank, die US-Notenbank und andere Notenbanken nutzten die Geldmenge lange Zeit erfolgreich als Schutzschild. Heute geht es nicht mehr darum, die Inflation um Prozentpunkte zu senken. Es geht um Zehntelprozentpunkte. Dafür ist die Geldmenge als Steuerungsinstrument nicht brauchbar. Als Schutzschild ist sie nicht mehr nötig, weil die Unabhängigkeit der Notenbanken fest etabliert ist und die Öffentlichkeit stabilitätsorientierte Geldpolitik schätzen gelernt hat. Außer der Europäischen Zentralbank haben sich daher alle Notenbanken vom Geldmengenkonzept verabschiedet. Die EZB sollte ihnen folgen, denn mit einer aufgeklärten Öffentlichkeit kommuniziert sie überzeugender mit offenem Visier.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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