Kommentare
Generation Pleite

Über mindestens 15 Jahre müssen die Isländer ihre Schulden bei Briten, Holländern und der EU abstottern

Der amerikanische Investor und Multimilliardär George Soros hat kürzlich von der Europäischen Union mehr Verständnis und vor allen Dingen mehr Hilfe für notleidende Mitgliedstaaten gefordert. Seinen Appell veranlassten die Forderungen der EU an Lettland: Das von der Wirtschaftskrise besonders hart getroffene Land sollte über bereits beschlossene gewaltige Haushaltseinsparungen und Lohnkürzungen hinaus noch mehr sparen. Anderenfalls, so die EU, würden zugesagte Notkredite nicht ausgezahlt.

Soros vertritt die Auffassung, dass die meisten wohlhabenderen EU-Länder in einer Position seien, die ihnen eine großzügigere Haltung gegenüber dem nahe am Staatsbankrott vorbeigeschlitterten Lettland ermöglicht.

Auch wenn Island (noch) nicht der EU angehört, lässt sich die Kritik an der harten Haltung auf den Fall Island übertragen. Der Inselstaat im Nordatlantik war das erste westliche Land, dass infolge der globalen Finanzkrise an den Rand des Staatsbankrotts geriet. Island erhielt milliardenschwere Notkredite, entschädigte Zehntausende Kaupthing-Edge-Sparer in Deutschland und anderen Ländern. Jetzt musste sich der Inselstaat mit seinen gerade einmal 320000 Einwohnern verpflichten, auch noch niederländische und britische Sparer zu entschädigen. Rund vier Mrd. Euro kostet das die isländischen Steuerzahler.

Noch über Generationen werden sie unter den Exzessen der isländischen Banken leiden, die ungehemmt und schuldenfinanziert im Ausland expandierten und dann bei Ausbruch der Finanzkrise umfielen. Warum sollen wir für verantwortungslose Banker haften, fragen sich viele Isländer.

Nicht zu Unrecht: Denn der Zusammenbruch der mittlerweile verstaatlichten Banken beschert den nächsten Generationen Schulden in unvorstellbarer Höhe. Allein bis mindestens 2024 muss der isländische Staat seine Schulden in den Niederlanden und Großbritannien abstottern. Hinzu kommen Rückzahlungsverpflichtungen gegenüber IWF und der EU. Kein Wunder, wenn eine deutliche Mehrheit der Isländer mittlerweile gegen einen EU-Beitritt des Landes ist. Auf ihre vermeintlichen Freunde können sie sich nicht verlassen, so denken heute viele Isländer - aus ihrer Sicht nachvollziehbar, auch wenn EU-Bürger das ganz anders werten.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%