Generationenstreit
Die Last der Jugend

Eigentlich vertragen wir uns doch ganz gut, wir Jungen mit den Alten. Doch dann prescht JU-Chef Philipp Mißfelder vor und schon verstehen wir uns nicht mehr so gut, sondern sind mittendrin im Generationenkonflikt. Doch der Generationenstreit führt zu nichts.

Eigentlich vertragen wir uns doch ganz gut, wir Jungen mit den Alten. Heißsporne dürfen sich austoben und Leute, die bald im Rentenalter sind, dürfen zum Beispiel noch Politiker sein. Einer dieser Heißsporne, der JU-Vorsitzende Philipp Mißfelder (23), hat jetzt gesagt, wer älter als 85 ist, sollte nicht auf Kosten der gesetzlichen Krankenkasse ein neues Hüftgelenk erhalten. Eine dieser Politikerinnen, die SPD-Familienministerin Renate Schmidt (59), hat sein Getöne als „menschenverachtend“ zurückgewiesen – und schon verstehen wir uns nicht mehr so gut, sondern sind mittendrin im Generationenkonflikt.

Recht haben beide. Der Junge, weil er eines der größten Probleme anspricht, mit denen sich unser Land herumschlagen muss. Es geht darum, wie das Einkommen zwischen dem beruflich aktiven Teil der Bevölkerung und dem, der im Ruhestand ist, aufgeteilt wird. Weil sich das Verhältnis zwischen Aktiven und Rentnern dramatisch zu Ungunsten der Jungen verschiebt, müssen wir unsere Sozialversicherungssysteme anpassen. Die Bundesregierung ist dabei gar nicht so untätig: Durch eine geänderte Berechnung zur Rentenanpassung steigen Ruhestandseinkommen bereits weniger stark als bisher.

Die Ältere hat Recht, weil die Rentner von heute den Lebensstandard geschaffen haben, den ihre Enkel genießen. Weil die Älteren ihr Leben lang in die Sozialkassen eingezahlt haben und nun einen Anspruch auf Versorgung haben. Und weil es nicht die Politiker sein dürfen, die über Hüftgelenke entscheiden, sondern die Ärzte.

Wenn beide Recht haben, sollte die Erkenntnis wachsen: Der Generationenstreit führt zu nichts. Dass wir ihn dennoch führen, hängt mit jenem Generationenvertrag zusammen, der Jung für Alt zahlen lässt, obwohl dieses System durch die Geburtenentwicklung vor dem Kollaps steht. Die absehbare Katastrophe sollte den Gesetzgeber dazu bringen, endlich diesen leidigen Vertrag durch ein Kapitaldeckungsverfahren zu ersetzen, bei dem jeder seine eigenen Probleme löst. Natürlich werden sich dann Reiche besser absichern als Arme. Man kann das Klassenkonflikt nennen. Doch der lässt sich aushalten. Denn im Gegensatz zur Zugehörigkeit zu einer Generation, die niemand beeinflussen kann, liegt es in der Verantwortung jedes Einzelnen, mit mehr Leistung aus seinem Leben das Beste zu machen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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