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Georgien am Abgrund

Lange war Eduard Schewardnadse der Stabilitätsanker im Kaukasus. Nach den gefälschten Parlamentswahlen hat der frühere sowjetische Außenminister keinen Rückhalt mehr.

HB MOSKAU. Nun hat es den "weißen Fuchs" erwischt. Lange war Eduard Schewardnadse der Stabilitätsanker im Kaukasus, hat sein von verschiedenen Clans zerrissenes Land Georgien zusammen gehalten. Denn schon einmal stand das von Bürgerkriegen heimgesuchte Land am Abgrund, der frühere "Gorbi"-Helfer und sowjetische Außenminister wurde als Retter und Schlichter gerufen. Jetzt steht das Land wieder am Abgrund.

Ob Schewardnadse die nächsten Tage politisch überlebt, ist völlig offen. Es ist zu hoffen, dass er nicht den gleichen Irrsinn macht und das Militär einsetzt wie der frühere russische Präsident Boris Jelzin, als der das Parlament in Moskau beschießen ließ. Das würde Schewardnadses Agonie nur für kurze Zeit verlängern. Sein Ende ist aber sowieso besiegelt.

Denn nach den gefälschten Parlamentswahlen vom 2. November, die der Auslöser für den jetzigen Staatsstreich waren, hat der einst so schlaue, aber inzwischen gesundheitlich angeschlagene Fuchs keinen Rückhalt mehr. Allein und nur noch beschützt von seiner waffenstarrenden Leibgarde harrt er in seiner Residenz aus. Die Macht war längst schon auf die Präsidenten der unabhängigen Teilrepubliken und zuletzt in Tiflis auf die Opposition übergegangen. Und mit dem Staatsstreich durch das Stürmen des Parlaments auf Menschen, die zumeist in früheren Tagen enge Mitstreiter des einstigen Reformers waren.

An seinem Niedergang hat Schewardnadse selbst schuld. Zwar hat er es noch vermocht, Georgien zwischen amerikanischen und russischen Interessen auszupendeln. Doch greifbaren Nutzen für die Menschen hatte das nicht: Der frühere Obst- und Weingarten der Sowjetunion wurde zum Armenhaus. Während Stromausfälle an der Tagesordnung sind, fanden Zukunftsprojekte nicht statt.

Schewardnadse hatte keine Ideen mehr, er hat längst abgewirtschaftet. Wie so viele der eitlen Herrscher im Kaukasus und Zentralasien aber klebte er bis zuletzt an der Macht und hat für keine geregelte Übergabe der Geschäfte gesorgt. Das rächt sich jetzt: Das Land steht - nach dem Bürgerkrieg gleich nach dem Zerfall der UdSSR - zum zweiten Mal bedrohlich nah am Abgrund. Zu hoffen bleibt, dass aus dem verhängten Ausnahmezustand nicht wieder ein Blutbad wird.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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