Georgien
Kommentar: Nach Schewardnadse

Als letzter sowjetischer Außenminister hatte sich Eduard Schewardnadse mit seinen Diensten bei der Wiedervereinigung ewige Dankbarkeit der Deutschen verdient. Auch in seiner Heimat galt er zunächst als letzte Hoffnung gegen Armut, Bürgerkrieg und Despotie.

Ausgerechnet Schewardnadse. Als letzter sowjetischer Außenminister hatte er sich mit seinen Diensten bei der Wiedervereinigung ewige Dankbarkeit der Deutschen verdient. Auch in seiner Heimat galt er zunächst als letzte Hoffnung gegen Armut, Bürgerkrieg und Despotie. Aber am Ende seiner Laufbahn drohte der Patriarch sein Land genau in diesen Zustand zurückzuwerfen. Erst ganz zum Schluss bewies der Politfuchs wieder Gespür – und erwies seiner Heimat einen letzten Dienst, verzichtete auf den Einsatz von Gewalt und trat zurück.

Dass Georgien auf dem Weg zur Normalität irrlichtert, kann man Schewardnadse nur zum Teil anlasten. Auf viele Faktoren, die das Schicksal des Landes bestimmen, hatte er so wenig Einfluss, wie es seine Nachfolger haben werden. Wie kaum ein anderes Land ist der Kaukasusstaat ein Spielball fremder Mächte. Die USA sehen Georgien als Frontstaat gegen den Terror und geostrategisch wichtiges Glied beim Zugriff auf das Öl der kaspischen Region. Nach Israel ist Georgien der größte Empfänger von US- Hilfen pro Kopf der Bevölkerung, und doch kommt Washington gegen den Kreml nicht an: Als Patron für zwei abtrünnige Provinzen sorgt Russland für Unruhe und ist auch für die Wahlfälschungen mitverantwortlich. Dass nun Russlands Außenminister den Abtritt verhandelte, ist eine Ironie der Geschichte, zeigt aber Moskaus Einfluss.

Wer immer Georgien führen wird, bewegt sich in diesem Minenfeld. Auch innenpolitisch kommt auf die neue Führung eine extrem schwierige Aufgabe zu. Dass der kommende Mann Michail Saakaschwili den Aufstand eine „samtene Revolution“ nennt, zeigt die Gefahr: Damit nimmt er nicht nur Bezug auf den Prager Frühling in der Tschechoslowakei 1968, sondern auch auf Serbiens Aufstand gegen Milosevic – kein gutes Omen.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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