Gerd Höhler
„Mein Griechenland“

Gerd Höhler lebt seit 32 Jahren in Athen. Er liebt Griechenland – trotz Schuldenkrise. Im Düsseldorfer Ständehaus berichtete er über sein Land. Seine Botschaft: Auf Griechenland kommt eine Lawine des Elends zu.
  • 22

Gestern Nachmittag war ich im Kaufhof – in der Lebensmittelabteilung. Dort habe ich sechs Packungen Rösti gekauft. Die Dame an der Kasse fragte spitz: „Ernähren Sie sich nur von Rösti?“ „Nein“, sagte ich, wo ich lebe, gibt es keine Rösti, und deshalb nehme ich immer einen Vorrat mit, wenn ich Deutschland bin. „Interessant“, sagte sie, „wo leben Sie denn?“ Ich sagte: „In Griechenland“. Und dann entfuhr es ihr förmlich: „Oh Jott! Dat dürfen Sie doch gar nich laut sagen – obwohl: sie können ja nix dafür.“

So weit ist es gekommen. In Deutschland muss ich mein Griechenland verleugnen. Und in Griechenland würde ich mir manchmal wünschen, ich käme nicht aus Angela Merkels Deutschland – sondern wäre ein Schweizer.

Als ich im März 1979 nach Athen kam, erlebte ich ein Land, ein Volk im Aufbruch. Die Verträge über den Beitritt zur damaligen EG waren ausgehandelt, am 28. Mai 1979 wurden sie in Athen feierlich unterzeichnet. Übrigens gegen das Votum der damaligen Brüsseler Kommission. Sie warnte: das wirtschaftliche Gefälle zwischen Griechenland und dem Kern Europas sei zu groß. Die Politiker setzten sich darüber hinweg. Griechenland hatte erst fünf Jahre zuvor die Militärdiktatur abgeschüttelt, man wollte die wieder gewonnene Demokratie stabilisieren. Und man wollte den Nato-Staat Griechenland enger an den Westen binden. Es war schließlich noch die Ära des Kalten Krieges.

Manche meinen heute, der Beitritt 1981, das sei der erste Sündenfall gewesen. Der zweite trägt das Datum 1. Januar 2002. Ich habe die damalige Silvesternacht noch gut in Erinnerung. Wir waren im Festsaal im obersten Stock der griechischen Notenbank an der Panepistimiou-Straße, und während um Mitternacht über der Akropolis die Feuerwerksraketen in den Himmel stiegen, ging der damalige Premierminister Kostas Simitis zu einem eigens dort aufgestellten Geldautomaten und zog die ersten Euro-Scheine. Neben ihm stand übrigens Lucas Papademos, der Zentralbankchef. Er war einer der Architekten des Beitritts Griechenlands zur Währungsunion. Jetzt soll er als Krisenpremier verhindern, dass die Griechen den Euro womöglich wieder abgeben müssen.

Damals, in der Silvesternacht 2001/2002, galt der Euro als ein Segen. Niemand von uns im Festsaal der Bank von Griechenland ahnte, dass er sich als Fluch erweisen würde. Obwohl: natürlich gab es Zweifel, ob Länder wie Griechenland, Italien und Portugal reif waren für den Euro. Aber man gab sich der Hoffnung hin, in der Währungsunion würde sich das wirtschaftliche Gefälle, würden sich die Wettbewerbsunterschiede wie von selbst ausgleichen. Heute wissen wir: Das genaue Gegenteil ist eingetreten. Das Gefälle hat sich vergrößert, die Probleme haben sich verschärft.

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„Mein Griechenland“

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Der Euro wurde zum Verhängnis

Kommentare zu " Gerd Höhler: „Mein Griechenland“"

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  • In drei Minuten erfahre ich hier mehr aus den Leserkommentaren, als aus Dutzenden von journalistischen Beiträgen. Ich unterstelle, dass auch Herr Höhler einen Interessenkonflikt hat. Er hat sich in Griechenland über 30 Jahre eine Basis aufgebaut und möchte sicher dort auch seinen Ruhestand geniessen. Bestimmt hat er dort ein schönes Haus in bester Lage. Da möchte man doch nicht das Nest beschmutzen. Jedenfalls nicht mehr, als unbedingt nötig. Sind das alles böswillige Unterstellungen, oder könnte auch ein Funken Wahrheit darin liegen?

  • @PisaPisa: Ebenso danke für die Stellungnahme. Ich weiß nicht, was die Grünen mit Papandreou besprochen haben und warum sie ihn überhaupt eingeladen haben. Das war mir schleierhaft. Aber irgendwie überrascht es mich auch nicht. Ich denke schon lange, dass die Grünen ausschließlich für Umweltpolitik gut sind und sonst für gar nichts. Die Einladung des Papandreou war ein Eigentor, das wird sich noch irgendwann mal zeigen, wenn etwas Gras über die GR-Sache gewachsen ist und die Politiker alle ihre Memoiren verfassen. Die Familie P. ist eine der reichsten im Lande und die pikante Herkunft des Geldes ist teilweise durchaus bekannt – trotzdem wird nichts unternommen.
    Überlegen Sie doch mal, wen Sie brauchen, wenn Sie in einer Sache ermitteln möchten. Ja richtig, das sind die Staatsanwälte.
    Warum aber um alles in der Welt sollten ausgerechnet die Staatsanwälte diejenigen sein, die – als „Einzige“ sozusagen – in GR unbestechlich sind? Sie können getrost davon ausgehen, dass niemals in einer größeren und wichtigeren Bestechungsangelegenheit durch griechische Staatsanwälte ernsthaft ermittelt werden wird. Das ginge ja auch gar nicht, denn das Wissen aller Beteiligten ist viel zu umfassend, es würde eine Lawine ausgelöst werden.
    Ich selbst habe übrigens in meiner unmittelbaren Nachbarschaft so einen ähnlichen Fall gehabt. Ein junger Mann wurde mit einem ganzen Kofferraum voller harter Drogen erwischt. Er kam in U-Haft und hätte eigentlich zu einer sehr, sehr langen Haftstrafe verurteilt werden müssen, das sieht das griechische Gesetz so vor. Aber stattdessen kam er nach einer Weile gegen Zahlung von ca. 50.000,-€ wieder frei, soweit ich weiß sogar ohne Anklageerhebung.
    Deshalb wäre die Troika gut beraten, die griechischen Staatsanwälte für mindestens 5 Jahre gegen solche aus anderen EU-Ländern auszutauschen. So unterschiedlich sind die Gesetze nicht, dass man für das Ende der Korruption nicht einen so kleinen Nachteil in Kauf nehmen sollte.

  • Delinix, vielen Dank für die Antwort/Stellungnahme, die auch einige interessante Einzelheiten enthält, die ich so noch nicht kannte.
    Um nochmals kurz auf unsere deutschen Politiker zurückzukommen. Hatte nicht der Parteitag der Grünen Herrn Papandreou als Ehrengast eingeladen? Wurde der 200Mia Geldtransfer dort angesprochen? Ich weiß... rhetorische und naive Frage, war die Geldbörse des deutschen Michels doch immer schon bereit, für jede dumme Aktivität unserer Politiker aufzukommen.

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