Gerechtigkeit
Werte ohne Wähler

Umfragen sind Momentaufnahmen. Dieser Generalvorbehalt gilt auch für die jüngste Allensbach/Bertelsmann-Befragung zum Thema Gerechtigkeit.

Aber wenn sich Meinungen über Jahre verfestigen, wird aus der flüchtigen Stimmung eine feste Einstellung. Diese kann so steinhart werden, dass Politiker sich daran eine blutige Nase holen. In den vergangenen elf Jahren hat sich bei einer deutlichen Mehrheit der Deutschen der Eindruck festgesetzt, es gehe bei der Einkommens- und Vermögensverteilung nicht mehr gerecht zu. Die tatsächliche Verteilung, die in Deutschland so ausgeglichen ist wie fast nirgendwo sonst auf dem Globus, hat sich zwar kaum verändert, wohl aber die Werturteile der Menschen: Mitte der 90er-Jahre hielten sich positive und negative Bewertungen noch die Waage, heute ist eine deutliche Mehrheit der Ansicht, es gehe ungerecht zu.

Ganz anders die Politiker, die überwiegend zu einem positiven Urteil kommen und gleichzeitig stärker auf Chancen- und Teilhabegerechtigkeit setzen als auf die Verteilung. Die Sicht der Politiker auf diese Wertefrage ist, man muss es so undiplomatisch sagen, die zutreffende. Das nützt bloß wenig, wenn die Wähler den modern denkenden Politikern schlicht per Wahlzettel die Betriebserlaubnis entziehen, egal, ob die Sympathie Rot, Schwarz oder Gelb gehört. Werte ohne Wähler können nicht regieren.

Jammern über das uneinsichtige Volk wird nicht helfen. Politiker, die ihre Vorstellung von Chancengerechtigkeit ernst meinen, müssen mit Herzblut argumentieren – und spürbar machen, dass etwas passiert, vor allem bei der Bildung. Und sie müssen aufhören, über Globalisierung zu reden wie über ein Ungeheuer. Sonst öffnet sich die Werte-Schere weiter.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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