Gerhard Schröder
Selbsternannter Wahlsieger mit Riesen-Ego

Rätselraten über Gerhard Schröder: Am Abend erlebten die Wähler im Fernsehen einen vor Selbstbewusstsein strotzenden Kanzler, der seine Niederlage nicht eingesteht und die Moderatoren der Elefantenrunde heftig attackierte. Selbst der eigenen Gattin war sein Auftritt "zu krawallig".

HB BERLIN. Der Tisch, an dem Gerhard Schröder bei der "Elefantenrunde" nach der Wahl saß, war so breit wie die Tische der anderen Spitzenkandidaten. Trotzdem wirkte der Kanzler, als würde er kaum dahinter passen: Auf das unerwartet schlechte Abschneiden der Union reagierte er mit überbordendem Selbstbewusstsein und Führungsansprüchen - trotz des eindeutigen Machtverlustes seiner rot-grünen Koalition.

Aus seiner Genugtuung über das sich abzeichndende Ergebnis der Bundestagswahl machte Schröder keinen Hehl. "Diejenigen, die einen Wechsel im Amt des Bundeskanzlers erstreben wollten, sind grandios gescheitert", rief er jubelnden Anhängern am Sonntag zu. In der Fernsehdiskussion griff er die Moderatoren und seine CDU-Herausforderin Angela Merkel so offensiv an, dass selbst SPD-Anhänger tief durchatmeten.

Nach monatelangem Rückstand in Umfragen und Abgesängen auf seine Kanzlerschaft kostete er den unklaren Ausgang der Wahl aus, den die SPD flugs zu einem Wahlsieg umdeutete. Er genoss es sichtlich, einmal mehr mit seinem Vabanque-Spiel fast alle überrascht und das Ende seiner Kanzlerschaft vielleicht noch einmal hinausgeschoben zu haben.

"Typisch Schröder", sagte ein Anhänger nach dem Auftritt des Kanzlers im Willy-Brandt-Haus. Obwohl aus den Hochrechnungen klar war, dass die SPD ihr Wahlziel verfehlt hat, stärkste Partei zu werden und Rot-Grün fortzusetzen, beanspruchte die SPD für Schröder die Regierungsbildung. "Ich fühle mich bestätigt", sagte der 61-Jährige. Obwohl am Sonntag unklar war, ob er wirklich Kanzler bleibt, hatte er mit dem - gelinde gesagt - selbstbewußt erhobenen Anspruch auch die SPD, der er seit 1963 angehört, wieder überrascht. Seine Flucht nach vorne schien zu funktionieren.

Sollte es ihm gelingen, mit einer Ampelkoalition oder gar in einer Großen Koalition Kanzler zu bleiben, würde er seiner 40-jährigen Politkarriere ein unerwartetes neues Kapitel hinzufügen. Von ihrem Beginn im Amt des Juso-Chefs im Jahr 1978 an war sie vom Ehrgeiz und Kampf geprägt, nicht zuletzt mit seiner SPD. Spätestens seit er in den 80er Jahren Ambitionen in der Bundespolitik verfolgte, lag er immer wieder im Clinch mit der Partei und ihrer Führung: SPD-Chef Rudolf Scharping feuerte ihn als Wirtschaftssprecher, die Rivalität mit Oskar Lafontaine setzte sich bis in den SPD-Kampf gegen die Linkspartei fort.

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