Geschäftsmodell Deutschland
Der Exportweltmeister muss umdenken

Wenn wir auch in Zukunft unser Wachstum auf hohe Exporte stützen wollen, müssen wir neue Abnehmer finden und auch auf andere Branchen setzen.
  • 0

Wir sind die Erfinder der Ordnungspolitik und stolz darauf, dass es in vielen Sprachen nicht einmal eine Übersetzung für diesen wichtigen Begriff gibt. Doch wir sind erstaunlich schlecht darin, ihn mit Leben zu erfüllen. Deutschland, seine Wirtschaftspolitiker und Ökonomen, seine Eliten verstummen, wenn es darum geht, strategische Debatten zu führen. In der Krise stürzen sich stattdessen alle aufs Mikromanagement: Jeder hat eine Meinung zu Opel, Karstadt, Schaeffler und weiß, was der Staat tun sollte. Dabei ist genau das nicht seine Aufgabe.

Ein Psychologe würde sagen: klarer Fall von Ersatzhandlung. Zum großen Thema, wie die deutsche Volkswirtschaft auf den Einbruch ihrer Exportmärkte zu reagieren hat, kann oder will man nichts sagen, ersatzweise zieht man sich an Einzelunternehmen hoch. Dass es auch anders geht, zeigt die jüngste Prognos-Studie. Sie analysiert, dass und wie sich Deutschlands Geschäftsmodell ändern muss, auch wenn wir weiter auf Exportstärke als Wachstumsmotor setzen sollten.

Deutschland verdankte seinen Erfolg bislang drei Branchen: vor allem Autos und Maschinenbau, außerdem der Chemie. Speziell die Autoindustrie aber wird auf Jahre schwächeln, die Aussichten für den Maschinenbau sind durchwachsen. Finanziert wurde der hohe Exportüberschuss, dem wir das Wachstum verdankten, von lediglich vier Ländern (USA, Großbritannien, Frankreich und Spanien), die alle auf mittlere Sicht nicht wieder ihre alte Rolle von vor der Krise spielen werden, weil ihnen schlicht die Mittel dazu fehlen. Anders ausgedrückt: Ein großer Teil des deutschen Handelsbilanzüberschusses und damit auch ein großer Teil des Wachstums sind gefährdet.

Oft wird behauptet, das Geschäftsmodell bilde sich spontan heraus. Das stimmt nicht ganz. Die Konzentration der deutschen Unternehmen auf den Export hat viel mit der schwachen Inlandsnachfrage zu tun, und die ist auch politisch herbeigeführt - von der Finanzierung der deutschen Einheit bis zur Anhebung der Mehrwertsteuer wurden zahlreiche Entscheidungen getroffen, die die Nachfrage schwächten. Und weil die private Konsumnachfrage bei uns im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern seit 2001 rückläufig ist, drängte das deutsche Unternehmen, ihr Glück eher in der weiten Welt als auf dem Heimatmarkt zu suchen.

Welche Pflege außerdem der Auto- und Chemieindustrie durch die Landes- und Bundespolitik zuteil wird, muss man nicht umständlich beweisen. Andererseits werden Zukunftsbranchen teils unbewusst behindert. Software beispielsweise behandelt der Staat nicht wie eine Investition, sondern wie ein Betriebsmittel. Sie fällt deshalb aus den meisten laufenden Förderprogrammen heraus, die auf Stahl oder Beton zugeschnitten sind, auf alles, was man anpacken kann, nicht so "virtueller Kram" wie Software. Die kann ein Unternehmen, das sie selber entwickelt, nicht einmal als Aktivposten bilanzieren - ein weiterer wichtiger Nachteil.

Seite 1:

Der Exportweltmeister muss umdenken

Seite 2:

Kommentare zu " Geschäftsmodell Deutschland: Der Exportweltmeister muss umdenken"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%