Geschichte des Patriotismus
Patrioten für Europa

Lange bevor der Begriff nationalistisch umgedeutet wurde, stand Patriotismus für Freiheit und den Dienst an der Gemeinschaft - daran kann die EU anknüpfen.

Verfassungskrise und Haushaltsstreit sind zwei Begriffe, die gegenwärtig mit Europa verbunden sind. Die Bereitschaft vieler EU-Politiker und Bürger, sich ebenso energisch für die Europäische Union einzusetzen wie für ihren Nationalstaat, scheint momentan nicht groß zu sein. Aber ist ein europäischer Patriotismus wünschenswert? Ist er überhaupt möglich?

Soweit Patriotismus für die Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts verantwortlich gemacht werden kann, sollte man ihn besser ruhen lassen. Aber die weniger bekannten Kapitel der Geschichte des Patriotismus zeigen, wie wertvoll er sein kann, wenn er richtig verstanden wird. Es ist eine komplexe Geschichte, die in ihren besseren Momenten einige unserer nobelsten politischen Ideale wiedergibt. Für Europa, das mit seiner Integration politisches Neuland betritt, ist es sinnvoll, sich diese Historie bewusst zu machen.

Patriotismus beschwört heute oft die Vorstellung von unreflektierter Loyalität zum eigenen Land, von Expansionsgelüsten und von Fremdenfeindlichkeit herauf. Aber während des größten Teils der europäischen Geschichte bedeutete Patriotismus etwas völlig anderes. Ein englisches Wörterbuch aus dem Jahre 1726 beschrieb Patriotismus als "Gemeinschaftsgeist". Die Betonung des Dienstes an der Allgemeinheit galt auch in Frankreich: Diderots und d?Alemberts Encyclopédie definiert Patriotismus als Bereitschaft, "Verzicht zu üben, das öffentliche Interesse dem eigenen vorzuziehen".

In deutschsprachigen Staaten des 18. Jahrhunderts wurde auf ähnliche Weise der Wille eines Bürgers hervorgehoben, zu Gunsten der Gemeinschaft tätig zu werden. In einem Wörterbuch von 1740 ist ein Patriot ein "einfach schaffender Landes-Freund, ein Mann, der Land und Leuten treu und redlich vorsteht und sich die allgemeine Wohlfahrt zu Herzen gehen" lasse. Vereinigungen aus dem 18. Jahrhundert, die sich "Patriotische Gesellschaften" nannten, setzten diese Devise in die Praxis um. Sie veranstalteten Sammlungen für die Armen, unterstützten Kranken- und Waisenhäuser, förderten ein aktives Bürgerleben. Später argumentierte auch Hegel, dass die allgemeine Verbreitung von individuellen Bedürfnissen in einer modernen Wirtschaft durch Patriotismus ausgeglichen werden müsse, den auch er als die Verpflichtung gegenüber einem größeren Gut in einer politischen Gemeinschaft beschrieb.

Weil die Unzufriedenheit mit dem Feudalismus und despotischen Herrschern im späten 18. Jahrhundert in Deutschland zunahmen, bedeutete die Sorge um die eigene Gemeinschaft zunehmend, sich für politische Reformen einzusetzen. Bald galt als Patriot jemand, der den politischen Wandel im Land vorantrieb. Viele verbanden politische Reformen mit dem wachsenden Glauben an universelle politische Rechte. Einige argumentierten wie Kant, Patriotismus sei nur ein Training für Kosmopolitismus: Für Menschen in der eigenen unmittelbaren Umgebung zu arbeiten bereite darauf vor, sich für die Menschheit im Allgemeinen einzusetzen.

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