Geschichte eines Erdgasprojekts
Heikle Mission in Moskau

Das deutsch-russische Jamal-Erdgasprojekt war 1980 heiß umstritten. Heute ist es längst Geschichte - und legte doch wichtige Grundlagen für die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder.

Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2000 ist es Präsident Putins Ziel, für Russland wieder den Status einer international anerkannten Großmacht zu erringen. Nicht ohne Erfolg: Mitte Juli dieses Jahres konnte er in St. Petersburg den G8-Gipfel ausrichten, beim Treffen der Regierungschefs der EU Ende Oktober in Lahti war er Ehrengast, und auch die Sitzung des Kooperationsrates EU-Russland wird die neue Bedeutung des Landes unterstreichen.

Dennoch bleibt ein manchmal offen artikuliertes Misstrauen bestehen. Am deutlichsten manifestiert es sich bei Energielieferungen. Umstritten ist die Zuverlässigkeit der Russen: Das Schlagwort "Energiesicherheit" ist seit dem 1. Januar 2006 in aller Munde, als Russland kurzfristig den Hahn für Gaslieferungen in die Ukraine sperrte.

Während russische Politiker diesen Vorgang ausschließlich als einen bilateralen Streit bezeichneten, wurde er in der westlichen Öffentlichkeit als überwiegend politisch motivierter "ukrainischer Gaskrieg" gesehen, der Misstrauen und Furcht gegenüber Moskau wie in Zeiten des Kalten Krieges aktivierte. Dabei beruft sich Moskau ausdrücklich darauf, dass es seit dem ersten Gas-Röhren-Vertrag zu Beginn der 80er-Jahre bis heute stets seine Lieferverpflichtungen eingehalten habe. Damit stellt sich Moskau nahtlos in eine Tradition, die in die Zeit der Sowjetunion zurückreicht. Doch während heute alle Geschäfte im Zeichen der Marktwirtschaft stehen, zeigt ein Rückblick auf die Ursprünge der deutsch-sowjetischen Energiekooperation deren ausgeprägt politische Wurzeln.

Die Bundesrepublik Deutschland hatte seit Kriegsende ihren Osthandel unter der ausdrücklichen Prämisse entwickelt, neben wirtschaftlichen Vorteilen hierdurch zugleich ihre internationale Sicherheitslage zu verbessern. Durch die einseitige Aufstellung neuer atomarer Mittelstreckenraketen unter Breschnew Ende der 70er-Jahre geriet diese Politik in existenzielle Gefahr. Nicht zuletzt auf das aktive Betreiben Bundeskanzler Helmut Schmidts hin wurde am 12. Dezember 1979 der "Nato-Doppelbeschluss" gefasst. Er sah die Dislozierung amerikanischer Mittelstreckenraketen ab Ende 1983 vor, bot aber den Verzicht darauf an, falls die Sowjetunion bis dahin Verhandlungen über die Abrüstung ihrer Mittelstrecken abschloss.

Bundeskanzler Schmidt konzentrierte in dieser hoch angespannten Lage seine Bemühungen darauf, die entsprechenden Verhandlungen mit der Sowjetunion schnell zu initiieren und parallel dazu deren Interesse an friedlicher Wirtschaftskooperation zu stimulieren. Diese Politik legte Grundlagen, die bis heute nachwirken, in der politischen Diskussion aber kaum noch präsent sind. Hauptinstrument sollte nämlich die Lieferung größerer Erdgasmengen aus Sibirien nach Westeuropa sein, die beiden Seiten große Vorteile versprach und sie zugleich bewusst miteinander verband. Diese vertrauensbildende Maßnahme setzte Einvernehmen darüber voraus, dass die Sowjetunion sie niemals als politisches Druckmittel missbrauchen und "den Hahn absperren" würde. Unmittelbar nach dem Nato-Doppelbeschluss kam Mitte 1979 das Signal aus Moskau, man habe ein Großprojekt für Deutschland anzubieten: den Bau einer Großrohrpipeline aus Sibirien nach Westeuropa zur Deckung großer Teile des Erdgasbedarfs der Bundesrepublik.

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