Gesellschaft ohne Kinderlachen
Die Demographie-Bombe überleben

Die "German Angst", die deutsche Zukunftsangst und Weltuntergangspsychose, hat einen neuen Namen: Demographie. Wie Wirtschaft und Gesellschaft mit der Überalterung leben - oder: Deutschland geht schon wieder nicht unter.

Seit sich phantasievolle Feuilleton-Redakteure als Hobbydemographen mit raunenden Dooms-Day-Demographen verbünden, beherrschen düsterste Zukunftsszenarien die Schlagzeilen - und "Bild" verschenkt 200 Baby-Macher-Urlaube an junge Paare. Noch ohne Erfüllungsnachweis. Vorerst. Erschreckend sind die Trends auf den ersten Blick und entmutigend.

Die Bevölkerung in Deutschland wird ohne weitere Zuwanderung in den nächsten 50 Jahren um fast ein Drittel auf unter 60 Millionen schrumpfen. Schlimmer noch ist die Zusammensetzung der Alterspyramide: Die Erwerbstätigenzahl wird um 40 Prozent schrumpfen, die über 80-jährigen Greise entsprechen der Einwohnerzahl Hessens; 100 000 Deutsche werden über 100 Jahre alt sein. Aus dem Volk ohne Raum wird ein Raum ohne Volk: Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt spricht von "Wüstungen" - so nannte man nach dem Dreißigjährigen Krieg entvölkerte Ortschaften. 800 von 2 300 Schulen Sachsens werden geschlossen - wegen der Halbierung der Schülerzahlen. Aber auch Düsseldorf, so Oberbürgermeister Joachim Erwin, werde ganze Reihenhaussiedlungen aus den 70er-Jahren erst aufkaufen und dann platt walzen müssen: Das sei immer noch billiger als die Aufrechterhaltung städtischer Infrastruktur in verödenden Vierteln. Stirbt eine Gesellschaft ohne Kinderlachen den altersgrauen Kältetod?

Der Abschwung von der jungen, wachsenden zur ergrauenden und schrumpfenden Gesellschaft ist unumkehrbar: Keine Kinder kriegen keine Kinder. Aber gerade weil die Probleme unausweichlich und bedrohlich sind, müsste eine "Demographie-Folgen-Forschung" sich damit beschäftigen, wie die Gesellschaft trotzdem die demographische Bombe überlebt, fordert Stephan Jansen von der Zeppelin University.

Die Veränderung der Altersstruktur und der Geburtenrückgang sind kein deutsches Phänomen - sondern in fast allen Gesellschaften zu beobachten: Fast überall, außer in besonders von Aids heimgesuchten afrikanischen Ländern, steigt die Lebenserwartung und sinkt die Geburtenzahl. In Italien werden noch weniger Bambini geboren als in Deutschland, und mit der heranwachsenden Generation wird auch die Türkei als Arbeitskräftereservoir für deutsche Fließbänder ausfallen. Auch die hoch gelobte Bevölkerungspolitik Frankreichs entpuppt sich, so der Rostocker Demograph Reiner Dinkel, als Täuschung: "In Paris oder Bordeaux werden nicht mehr Kinder geboren als in Berlin oder München." Die höheren Zahlen kommen dort von arabischen Migrantenfamilien. In der Banlieue hat sich das Fortpflanzungsverhalten Nordafrikas erhalten. Araber als legitime Erben des deutschen Genius? Anders als Frankreichs Nordafrikaner fallen die vergleichsweise assimilationsbereiten Deutsch-Türken als Baby-Reservisten aus - auch unter dem Kopftuch wird, ganz emanzipiert, die Pille eingenommen.

Auch im weißen Amerika bleibt zwischen Party und Partnersuche, wie es die Serie "Sex and the City" zeigt, keine Zeit für Nachwuchs. In der neuen schwarzen und noch neueren asiatischen Mittelschicht bleibt die Wiege so leer wie in Deutschland - der Geburtenüberschuss stammt von mexikanischen Immigranten, religiösen Fundamentalisten und sozialen Randgruppen.

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