Gesundheitspolitik
Gruppenegoismus

„Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“ Wer in diesen Tagen die Bilder von streikenden Krankenhausärzten über die Fernsehbildschirme flimmern sieht, kann sich an diese Sätze des Arbeiterdichters Georg Herwegh aus dem Jahre 1863 erinnert fühlen.

Allein am letzten Dienstag folgten 12 000 der 22 000 Ärzte an Universitätskliniken und Landeskrankenhäusern dem Aufruf ihrer Gewerkschaft, des Marburger Bundes. Sie legten die Arbeit nieder, um die Arbeitgeber zu zwingen, ihre als unmenschlich empfundenen Arbeitsbedingungen zu verbessern und ihre Einkommen deutlich zu erhöhen.

Wann in den vergangenen Jahren hatte eine der klassischen Gewerkschaften von IG Metall bis Verdi es vermocht, einen ähnlich hohen Anteil ihrer Mitglieder in einen vergleichbaren Erzwingungsstreik zu führen? Wie konnte es geschehen, dass ausgerechnet die „Götter in Weiß“ für ihre Belange derart entschlossen auf die Straße gehen und den längst hohl klingenden Phrasen aus den Anfängen der deutschen Arbeiterbewegung offenbar neues Leben einzuhauchen versuchen?

Als die kleine Berufsgruppengewerkschaft Marburger Bund im Dezember 2005 aus dem Tarifverbund mit Verdi ausstieg und vollmundig den Anspruch erhob, für die Mediziner einen eigen Flächentarifvertrag durchzusetzen, hatten auch viele Insider müde abgewinkt: Marburger-Bund-Chef Frank Ulrich Montgomery könne vielleicht den Mund spitzen, aber zum Pfeifen würden ihm die Bataillone fehlen. Denn die Ärzte würden niemals ihr hohes Sozialprestige aufs Spiel setzen, indem sie sich in einen Streik führen lassen, was bis vor kurzem ein exklusives Spielfeld deutscher Facharbeiter und Müllwerker war.

Die Skeptiker haben sich verrechnet. Einer der Gründe hierfür ist sicher, dass sich die Arbeitgeberseite in der wochenlangen Tarifauseinandersetzung extrem ungeschickt angestellt hat. Die Länder waren lange der Meinung, sie könnten die Mediziner wie die übrigen Beschäftigten des öffentlichen Dienstes dem Diktat der leeren öffentlichen Kassen unterwerfen. Damit haben sie den Leidensdruck unterschätzt, der seit Jahren auf den Ärzten gerade an den Unikliniken lastet.

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