Gesundheitsreform
Gegängelter Patient

Nur der Beitragszahler und Patient, denen jenseits der Grundsicherung Verantwortung zugetraut wird und die selbst entscheiden müssen, wie viel Geld sie für welche gesundheitliche Absicherung aufwenden wollen, können für Wettbewerb im Gesundheitssektor sorgen.

Es ist wie im Wachraum nach der Operation. Der Patient reibt sich die Augen, nimmt die Wirklichkeit erst verschwommen wahr und erschrickt dann, als sich die Realität beklemmenderweise auch als solche herausstellt. Ja, sie ist da – die Gesundheitsreform, und sie ist genauso schlimm geworden, wie die letzten Monate bereits erahnen ließen.

Die Liste, welche die Unterhändler so akribisch ausgetüftelt haben, ist zwar aufs Einzelne gesehen auch mit manch heilsamer Medizin gespickt. Dass etwa Patienten, die das „Ärzte-Hopping“ lieben, etwas gebremst werden, ist zweifellos richtig. Und auch die höhere Verantwortung des Patienten bei der Inanspruchnahme von Leistungen und Medikamenten ist grundsätzlich nicht verkehrt. Doch andere Einzelkompromisse wie etwa der zum Zahnersatz befriedigen schon auf den ersten Blick nicht. Dass ich mir nur aussuchen kann, ob ich meinen Zahnersatz gesetzlich oder privat absichere, nicht aber, ob ich es überhaupt tun möchte, ist genau die fortgesetzte Gängelung des Patienten, die eine wirkliche Gesundheitsreform hätte stoppen müssen.

Eine Reform – also eine „Erneuerung“ – ist das, was die großen Parteien gestern als Bulletin herausgaben, nicht. Es ist der Versuch, die Beitragssätze nicht so sehr steigen zu lassen und zu sparen, wo es nicht allzu wehtut. Dieses Mal pikt es besonders die Patienten, in zwei Jahren, bei der sicher notwendigen nächsten Gesundheitsreform, sind es womöglich wieder mehr die Ärzte oder die Pharmaunternehmen. Das alles aber ist Patchwork. Arbeitsmarkt und Konjunktur hilft das nicht und dem Gesundheitswesen dummerweise auch nicht.

Was eine Reform wirklich ausmacht, ist der Wille, aufs Ganze und nach vorne zu sehen. Das derzeitige Gesundheitssystem kann die Alterspyramide nun mal nicht schultern, da helfen keine minimalinvasiven Schnitte. Nur der Beitragszahler und Patient, denen jenseits der Grundsicherung Verantwortung zugetraut wird und die selbst entscheiden müssen, wie viel Geld sie für welche gesundheitliche Absicherung aufwenden wollen, können für Wettbewerb im Gesundheitssektor sorgen. Zu diesem Wetteifern um das beste und kostengünstigste Angebot aber gibt es keine Alternative, wenn die Fehlanreize im Geflecht von Ärzten, Kassen und Arzneimittelindustrie endlich fallen sollen.

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