Geteiltes Deutschland
Putin, Propaganda und Patriotismus

Durch Deutschland geht ein Riss: Russland-Ächtern stehen immer mehr Putin-Versteher gegenüber. Dabei werden heikle Gemengelagen des europäischen Selbstverständnisses offenbar. Fünf Erkenntnisse aus der Ukraine-Krise.
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In der Krim-Krise lockert die politische Debatte langsam auf. Es gibt plötzlich Putin-Versteher und der Propagandawind lässt nach. Dabei werden heikle Gemengelagen des europäischen Selbstverständnisses offenbar. Fünf Beobachtungen zur Krim-Debatte:

Erstens: Das Fristenproblem

Die Europäer schauen mit unterschiedlichen zeitlichen Horizonten auf den Konflikt. Die Putin-Kritiker haben für Europa das Nationengefäß von 1989 vor Augen – das gilt ihnen als unantastbarer Maßstab. Die Russland-Versteher – von Sozialdemokraten wie Helmut Schmidt bis hin zu Konservativen wie Peter Gauweiler – öffnen hingegen die große Perspektive. Sie sehen, dass die Krim schon seit den Zeiten von Zarin Katharina „von nun an und für alle Zeiten“ (1783) zutiefst russisch gewesen ist.

Das vor allem in Deutschland vorherrschende Bewusstsein, dass Europas Geschichte irgendwie erst ab 1933 begonnen hat, erweist sich in dieser Krise als Scheuklappenblindheit. Europas lange Linien der Konflikte und Identitäten werden unterschätzt und prägen den Kontinent so tief, dass sie immer wieder Macht entfalten. Die Grenzen von 1945/1989 sind offenbar nicht für alle die finalen und alle selig machenden Formationen.

In der Ukraine ringt Westeuropa also wie seit Jahrhunderten gegen den Osten, selbst das Jahr 395 (als nach dem Tod von Theodosius I. das römische Reich geteilt wurde) oder 1054 (als sich Europa in eine orthodoxe und eine katholische Welt spaltete) sind plötzlich gegenwärtig. An dieser historischen Demarkationslinie entstehen – genau wie auf dem Balkan – stabile Staaten nur schwer. Und so ist auch die Ukraine ein labiles Gebilde.

Deutschland wiederum schaut schon aus historischer Verantwortung anders nach Osten als Franzosen oder Spanier. Uns verbinden mit Russland nicht nur Pipelines, Autoexporte und Champions-League-Spiele. Die gemeinsame Geschichte eines millionenfachen Hinschlachtens in Weltkriegen prägt hierzulande die Urteile über russische Perspektiven. Darum gibt es in der älteren Bevölkerung Deutschlands eine größere Nachsicht gegenüber Russland als bei den Jungen.

Kommentare zu " Geteiltes Deutschland: Putin, Propaganda und Patriotismus"

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  • Hervorragender Beitrag! Er entlarvt die Verlogenheit unserer politischen Führung, die sonst immer mit missionarischem Eifer das Selbstbestimmungsrecht der Völker einfordert, aber der Bevölkerung der Krim das Selbstbestimmungsrecht verweigern will.

  • @Beitragsschreiber
    Die differenziertheit ihrer Schreiberei ist beeindruckend

  • Ganz einfach: Schaeuble (!) und die CIA/NSA

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