Gewalt an Schulen
Kommentar: Notruf vom Rütli

In einer Hauptschule in Berlin-Neukölln fliegen die Fetzen, die ganze Nation schlägt entgeistert die Hände über dem Kopf zusammen. Mit Recht: Das Desaster an der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln zeigt nicht nur die Versäumnisse bei der Integration, sondern zugleich auch die Misere unseres Schulsystems.

Was ist passiert? Das Kollegium schickte einen Hilferuf an den Senat und beantragte perspektivisch die Auflösung der Hauptschule. Grund: alltägliche Gewalt unter Schülern und gegen Lehrer, völlige Respektlosigkeit. Nun patrouillieren Polizisten vor dem Tor.

Neukölln ist ein berüchtigter Berliner Kiez mit extrem hohem Ausländeranteil samt typischen Problemen sozial schwacher deutscher Familien. Der Senat hat jahrelang versäumt, eine Ghettobildung zu verhindern. Doch das Problem hat mehr Facetten als nur die mangelnder Integration. Seit Pisa wissen wir, dass Schulerfolg in Deutschland stärker von sozialer Herkunft abhängt als in allen anderen Industrieländern. Wir wissen auch, dass dies besonders für Migrantenkinder gilt. Die Rütli-Schule ist nur spektakulärer Ausdruck der allgemeinen Misere.

Eine bildungspolitische Strategie muss an vielen Punkten ansetzen. Grundsätzlich steht die Hauptschule an sich zur Disposition. Der alte Name Volksschule trifft die Realität nur noch in Süddeutschland, in allen anderen Ländern wird sie nur noch von 10 bis 20 Prozent der Schüler besucht. Dort sammeln sich die Unterprivilegierten, die wissen, dass sie auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen haben. Entsprechend mies ist die Motivation der Schüler und oft auch der Lehrer. Eine solche Schulform hat ihren Sinn verloren.

Sachsen und Thüringen machen es vor: Dort gibt es neben dem Gymnasium nur noch eine Mittelschule, auf der Haupt- und Realschulabschluss möglich sind. Ähnlich ist es im Saarland; Hamburg ist auf dem Weg. Aus Angst vor ideologischen Grabenkämpfen weichen die meisten Kultusminister der Strukturdebatte jedoch feige aus, anstatt sie offen und konstruktiv zu führen.

Ein zweiter Schwachpunkt ist die Auswahl und Ausbildung der Lehrer. Es gibt sehr viele engagierte Pädagogen, aber die einschlägigen Studien zeigen eben auch einen erschreckend hohen Anteil an desinteressierten und frustrierten. Das liegt an der falschen Auslese und an der zu späten Konfrontation der Studenten mit der Realität in den Schulen.

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