Gewalt gegen Ausländer
Zu Gast beim Fremdenfeind

Die gute Nachricht: Es ist überhaupt nicht wahr, dass es immer mehr fremdenfeindliche Angriffe in Ostdeutschland gibt. Zwar häufen sich Meldungen wie „Mosambikaner nach Überfall in Weimar in der Klinik“ und „Inder in Wismar attackiert“ oder „Türken in Berlin zusammengeschlagen“. Aber die Wahrheit ist: Die Zahl solcher Angriffe steigt keineswegs, sie bleibt vermutlich gleich.

Vorfälle wie jene in Weimar und Wismar passieren täglich, seit vielen Jahren. Es hat bisher nur niemanden interessiert. Das ist die schlechte Nachricht. Dem gerade vorgestellten Verfassungsschutzbericht zufolge gab es im letzten Jahr in Deutschland 322 Körperverletzungen aus fremdenfeindlichen Motiven. Das heißt: Im Schnitt an beinahe jedem Tag wurde irgendwo in Deutschland jemand geschlagen, getreten oder bespuckt, weil er nicht so aussieht, wie sich ein Neonazi einen Deutschen vorstellt. Und noch etwas belegen die Zahlen der Verfassungsschützer: Rechtsextreme Gewalttaten gibt es im Verhältnis zur Bevölkerung in Sachsen-Anhalt mehr als doppelt so viele wie in Schleswig-Holstein, viermal so viele wie in Nordrhein-Westfalen und zehnmal so viele wie in Hessen. Neu sind diese Erkenntnisse freilich nicht. Neu ist, dass sie Aufsehen erregen.

In knapp zwei Wochen wird in München das Eröffnungsspiel der Fußball-WM angepfiffen. Wie, so fragt jetzt mancher und tippt sich dabei an die Stirn, kann man so blöd sein, so kurz vor diesem epochalen Ereignis solche selbst zerfleischenden Diskussionen anzuheizen? Die ganze Welt schaut auf Deutschland, und wir reden über No-Go-Areas? Was soll die Welt nur von uns denken?

Doch auch unter Marketingstrategen hat sich herumgesprochen: Wer schlechte Nachrichten verschweigt, macht einen Fehler. Es gibt in unserem Land eben Zonen, die von rechtsradikalen Schlägerbanden ausländerfrei gehalten werden. Und wenn demnächst die Welt zu Gast bei Freunden sein soll, wäre es gut, wenn sie das weiß. Es ist ja nicht so, dass die Fans gleich welcher Hautfarbe auf dem Weg zum Stadion oder zum Hotel automatisch etwas zu befürchten hätten. Aber so viel Freundschaft muss schon sein, den dunkelhäutigen Brasilien-Fans rechtzeitig vor dem Endspiel in Berlin mitzuteilen, welche S-Bahn-Linien sie bei der Erkundung der Stadt besser meiden sollten.

Zur schmerzlichen Realität gehört auch die Erkenntnis, dass No-Go-Areas für Menschen nichtweißer Hautfarbe ein spezifisch ostdeutsches Phänomen sind. Wie heikel allein die Feststellung dieser gut dokumentierten Tatsache ist, hat die Empörung gezeigt, mit der ostdeutsche Politiker und Kommentatoren anfangs auf die WM-Reisewarnungen reagierten.

Doch hier geht es weder um landsmannschaftliche Ressentiments noch um westdeutsche Überlegenheitsgefühle. Wir haben es mit einem regionalen Kriminalitätsproblem zu tun, das ein Land, das ein Rechtsstaat bleiben will, schlechthin nicht tolerieren kann. Um das Problem zu erklären, wird viel über Perspektivlosigkeit, Abwanderung, kulturelle Verödung geredet. Möglicherweise wird man aber auch andere Fragen stellen müssen. Und zwar solche, die an akut entzündete Stellen rühren: etwa, ob und was das einstige DDR-System damit zu tun hat. Das fällt nicht leicht. Aber Physiologen wissen: Schonung führt zu Muskelschwund.

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