Gewerkschaften
Eine starke IG Metall

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Man kann geteilter Meinung sein, ob eine geschlossene, strategisch stark aufgestellte IG Metall für die wirtschaftliche Dynamik von Vorteil ist. Schließlich kann sie die Spielräume für Unternehmen stärker einschränken. Das muss die IG Metall aber nicht hindern, sich effizient und schlagkräftig zu organisieren – den Rahmen dafür setzt demokratisch legitimierte Politik. Tatsache ist: Seit dieser Woche zeichnet sich das Bild einer neuen IG Metall ab.

Es ist eine Gewerkschaft nach dem Bild ihres neuen, durch ein imposantes Wahlergebnis gestärkten Vorsitzenden Berthold Huber: Sie kommt nachdenklicher und selbstkritischer daher als gewohnt. Aber es wäre völlig falsch, daraus zu schließen, dass sie in einer Weise „pragmatischer“ und „flexibler“ wird, wie sich das Arbeitgeber wünschen. Im Gegenteil: Es entsteht das Bild einer Gewerkschaft, die mit neuem Selbstbewusstsein offen ihre Schwächen analysiert, um daraus neue Durchsetzungsmacht zu gewinnen.

Nicht dass die IG Metall ihre Führungskrise vor vier Jahren erkennbar mit niedrigeren Lohnabschlüssen bezahlt hätte. Aber zwischen den Buchstaben von Tarifverträgen und der Wirklichkeit in den Betrieben klaffen oftmals Lücken, die sich der Wahrnehmung einer breiteren Öffentlichkeit entziehen. Die IG Metall wird in Zukunft stärker darauf achten, dass ihre tarifpolitischen Erfolge nicht Schaufensterdekoration bleiben. Denn neue Mitglieder – das streicht die neue Führung deutlicher denn je heraus – lassen sich nur dadurch gewinnen, dass die Arbeit der Gewerkschaft sie ganz persönlich anspricht. Ein Beispiel für solche Lücken zwischen Tarifvertrag und Realität lieferte Huber am Mittwoch mit dem Thema Arbeitszeit: Während die 35-Stunden-Woche für die meisten Metaller auf dem Papier steht, nähert sich ihre tatsächliche Arbeitszeit derzeit der 40-Stunden-Woche an. Wenn Huber von neuen Differenzierungen spricht, will er keine Arbeitszeitverlängerung betreiben – sehr wohl aber will er die real geleisteten Arbeitszeiten besser an die Bedürfnisse der Mitglieder anpassen.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Hubers Leitsätzen für den Umgang mit politischen Parteien. Er streicht um Nuancen deutlicher als sein Amtsvorgänger Jürgen Peters heraus, dass sich die Gewerkschaften vor allem um Unterstützung der Regierungsparteien bemühen müssen. Damit stutzt er zwar Wunschvorstellungen der Linkspartei von einem Alleinvertretungsanspruch für Gewerkschaftspositionen zurück. Doch wäre es wiederum voreilig zu meinen, die IG Metall nehme zentrale Forderungen wie die nach einer gesetzlichen Eingrenzung der Zeitarbeit oder einer Aufweichung der Rente mit 67 nicht mehr so ernst. Es gilt auch hier das Gegenteil: Mit ideologisch überfrachteter Fundamentalkritik an der Agenda 2010 sind die Gewerkschaften einst ins politische Abseits getrieben. Nun soll ein neuer Realitätssinn dafür sorgen, die Politik für die Umsetzung konkret definierter Einzelforderungen zu gewinnen – und die Erfolgsaussichten scheinen, zumal unter einer wankelmütig gewordenen Großen Koalition, alles andere als schlecht.

Ein Test steht der IG Metall mit ihrem Anspruch bevor, sich stärker für Ingenieure und andere Hochqualifizierte zu öffnen. Die Diagnose ist überzeugend: Wenn deren Anteil an den Belegschaften mit dem Strukturwandel stetig wächst, kann die Gewerkschaft ihre Mitgliederentwicklung nur stabilisieren, wenn sie dort neue Anhänger gewinnt. Die spannende Frage bleibt, wie viel von ihrem traditionellen Profil die IG Metall dafür aufgeben muss.

Ein solcher Wandel mag für die Organisation schmerzlich werden. Doch ist das Bemühen um eine bessere Brücke zwischen abstrakter Tarifpolitik und der konkreten Arbeitswelt der Beschäftigten eine entscheidende Lehre aus den zurückliegenden Problemen. Der gescheiterte Streik für die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland bleibt ein mahnendes Beispiel dafür, wie mangelnde Bodenhaftung eine Gewerkschaft dazu verleiten kann, ihre Durchsetzungsmacht völlig falsch einzuschätzen. Eine Gewerkschaft, die ihre Aufgaben am liebsten aus eigener Kraft meistert, hat in einem Punkt auf jeden Fall Sympathie verdient: Sie wird ein geringeres Interesse an der gesetzlichen Regulierung von Löhnen und Arbeitsbeziehungen haben.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent

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