Gewinnwarnungen
Chemiebranche im Sturmtief

Ähnlich wie Mitteleuropa in den vergangenen Tagen wird derzeit auch die Chemieindustrie von einem Sturmtief überzogen.

Die nachfolgende Kaltfront hinterlässt im vierten Quartal bei vielen Vertretern der Branche vermutlich grausame Zahlen. Und auch der Auftakt des neuen Jahres dürfte nicht viel besser ausfallen.

Wie vehement der Klimaumschwung ausfällt, zeigten die jüngste Gewinnwarnung und Produktionskürzungen des Branchenführers BASF. Der Chemiekonzern, der zur Jahresmitte noch den höchsten Quartalsgewinn seiner Geschichte verbuchte und Ende Oktober noch die leise Hoffnung hegte, im Gesamtjahr annähernd den Vorjahresgewinn zu halten, musste innerhalb von drei Wochen zweimal seine Prognosen nach unten revidieren. Zugleich startet er in diesen Tagen eines seiner heftigsten Bremsmanöver. Bis zu einem Viertel der Kapazitäten will der Konzern vorübergehend abschalten.

Selbst alte Hasen aus der Chemiewelt zeigen sich in diesen Tagen geschockt von dem Tempo, mit dem Absatz und Erträge einbrechen. Die Reaktion des Ludwigshafener Chemieriesen dürfte daher kaum ein Einzelfall bleiben. Andere Vertreter der Branche werden dem Beispiel über kurz oder lang wohl folgen, wenn sie es im Stillen nicht schon getan haben.

Allein durch die Absatzeinbußen ist bereits ein heftiger Rückgang der Chemieerträge gegenüber den hohen Vorjahreswerten programmiert. Darüber hinaus wird die Branche aber durch weitere Effekte belastet, die über die originäre Konjunkturschwäche hinausreichen und damit die Entwicklung negativ überzeichnen. Besonders stark betroffen von solchen zyklischen Schwankungen dürften derzeit vor allem Petrochemiehersteller sein, darunter Unternehmen wie Lyondell Basell, Ineos, die Chemiesparten der Ölkonzerne, in Teilbereichen aber auch Konzerne wie BASF oder Dow Chemical.

Ausgangspunkt dafür ist vor allem ein dramatischer Preisverfall bei vielen Standardprodukten, insbesondere Kunststoffen und Basischemikalien. Das heißt, die rückläufigen Absatzmengen, insbesondere im Geschäft mit der Automobil- und der Bauindustrie, werden durch Preiseffekte zusätzlich verschärft. Die Spotpreise für das Chemie-Grundprodukt Ethylen zum Beispiel sind seit September um zwei Drittel gesunken. Der Kunststoff Polystyrol ist derzeit um ein Drittel, Polyethylen um gut die Hälfte günstiger zu haben als noch vor zwei Monaten. Eine ähnliche Entwicklung vollzieht sich derzeit in anderen Grundstoffindustrien. Stahl und Aluminium etwa haben sich seit September ebenfalls um rund die Hälfte verbilligt.

Der starke Preisverfall bei Öl und sonstigen Rohstoffen bringt der Chemiebranche und vergleichbaren Industrien damit praktisch keine Entlastung. Im Gegenteil: Er forciert zunächst eine Abwärtsspirale aus sinkenden Absatzmengen und rückläufigen Margen.

Verstärkt wird diese Entwicklung durch die Lagerhaltungsstrategien der Weiterverarbeiter. In der Erwartung weiter sinkender Preise kürzen sie ihre Bestellungen über das rein konjunkturell bedingte Maß hinaus. Das wiederum führt inzwischen offenbar selbst im asiatischen Markt zu deutlich rückläufigen Absatzmengen.

Für viele Chemiekonzerne, aber auch für Branchen wie die Stahl- und Aluminiumindustrie resultieren daraus zusätzliche Risiken für die Erträge und Cash-Flows. Eine Gefahr für sie besteht unter anderem darin, dass sie erhebliche Mengen auf Lager produzieren. Damit wiederum steigt zum einen der Kapitalbedarf zur Finanzierung des Umlaufvermögens. Zum anderen drohen bei weiterem Preisverfall Abschreibungen auf die Bestände. Auch das dürfte im vierten Quartal die Erträge drücken. Und nicht zuletzt, um solche Belastungen zu vermeiden, kommt es für viele Hersteller jetzt darauf an, die Produktion möglichst früh zu drosseln.

Im Prinzip ist die Chemiebranche mit derartigen zyklischen Schwankungen bestens vertraut. Allerdings ist die Bewegung derzeit weitaus heftiger als in früheren Abschwungphasen. Ein Hoffnungsfaktor für die Branche ist in dieser Situation vor allem die Erfahrung, dass dem überzogenen Einbruch in der Anfangsphase der Rezession in aller Regel auch eine entsprechende Aufwärtsbewegung gegenübersteht, wenn die Talsohle durchschritten ist. Wenn die Abnehmerindustrien ihre Läger wieder auffüllen, wachsen die Absatzmengen überproportional.

Insofern kann man vorerst davon ausgehen, dass die mittelfristigen Perspektiven der Branche nicht so schlecht sind, wie es die jüngsten Meldungen nahelegen. Denn wie stark der Klimaumschwung am Ende ausfällt, wird man erst im kommenden Frühjahr erkennen können. Sollte sich bis dahin die Situation nicht normalisieren, muss sich die Chemie auf wirklich bittere Zeiten einstellen.

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