Giulio Andreottis Tod
Der Mann tritt ab, sein System kehrt zurück

Der alte Machtspieler ist tot, doch sein System scheint aufzuleben. Nach einer kurzen Phase des Bipolarismus sind in Italien erneut moderate Parteien von links und rechts an der Regierung. Ganz wie zu Zeiten Andreottis.
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MailandItaliens altes System galt als besiegt. Nach den Skandalen von „Mani Pulite“ endete die so genannte „erste Republik“ mit ihren politischen Kompromissen. Ein bipolares System mit Rechts und Links im Wechsel sollte Italien zur Normalität zurückführen, wie sie damals in Ländern wie Deutschland, den USA oder Großbritannien üblich war.

Das waren die 90er Jahre. Und dem Sumpf der Democrazia Christiana, die sich opportunistisch mal mit Links und mal mit Rechts alliierte, sollte ein für allemal ein Ende gemacht werden. Ein Wahlrecht, das dem Sieger zumindest in der Abgeordnetenkammer eine klare Mehrheit sicherte, sollte diesen neuen Weg garantieren. Einen Weg ohne Kompromisse, die in der Vergangenheit nicht selten geschmiert worden waren.

Doch zwanzig Jahre später, an dem Tag, an dem mit Giulio Andreotti nach Bettino Craxi auch die zweite Symbol-Figur der Ersten Republik gestorben ist, lebt das System wieder auf. Von der Korruption der Ersten Republik ist man bisher zwar wohl noch weit entfernt. Aber das Parteiensystem, dass sich brav in Links und Rechts trennen sollte, funktioniert nicht.

Bereits die Regierung von Mario Monti war eine Große Koalition, die von moderat links (PD) bis moderat rechts (PDL) reichte. Und auch die Regierung von Enrico Letta vereint die gesamte moderate Spanne und schließt nur die Extreme aus.

War es früher die Angst vor den Kommunisten, die die moderateren Parteien zusammengehalten hat, ist es heute die Angst vor der Protestbewegung „Fünf Sterne“ von Beppe Grillo. Nicht umsonst werfen die Kritiker dem Präsidenten Giorgio Napolitano vor, in alte Muster der Ersten Republik zurückzufallen. Interessanterweise kommt Napolitano aus der Kommunistischen Partei. Aber auch die hatte sich zeitweise mit Andreotti arrangiert.

Man muss sicher einräumen, dass sich seit den 90er Jahren auch in anderen Ländern das Parteiensystem gewandelt hat. Auch in anderen Ländern haben dritte Parteien jenseits der alten Links-Rechts-Logik an Einfluss gewonnen. Auch Deutschland hatte in der Zwischenzeit eine große Koalition, die sich als durchaus als stabil erwiesen hat.

Andreottis weit reichende Koalitionen waren dagegen das Gegenteil von stabil: Er hat insgesamt 33 Regierungen angehört und war sieben Mal selbst Premierminister.

Es bleibt also zu hoffen, dass Letta mit seinen Bündnispartnern einen länger währenden Kompromiss gefunden hat. Eine komplette Rückkehr zum System Andreotti wäre verheerend.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin

Kommentare zu " Giulio Andreottis Tod: Der Mann tritt ab, sein System kehrt zurück"

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  • Andreotti war ein Feind der Deutshen ( = gegen die Wiedervereinigung ) und stand zudem unter dem Verdacht
    der Mafiamitgliedschaft.
    Ist solch eine aalglatte Type einen Kommentar bei uns wert ?

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