Kommentare
Götterdämmerung

  • 0

Fast jedem von ihnen haftet schnell ein Etikett an: Entweder er ist der westorientierte Reformer oder aber ein korrupter Autokrat. Tja, was ist Präsident Michail Saakaschwili denn nun wirklich?

Historisch gibt Georgien in dieser Frage viel her. Da gab es in den 90er-Jahren den Dissidenten Swiad Gamsachurdia, der sich zum Hoffnungsträger im Präsidentenamt und später zum Putschisten wandelte. Sein Widersacher war Eduard Schewardnadse, der seine Heimat erst aus dem Chaos zog, dann aber selbst im Sumpf von Korruption und Wahlbetrug versank. Damit wurde er zur Zielscheibe der so genannten Rosenrevolution, dem Vorbild für Volksaufstände von der Ukraine bis nach Kirgisien.

Als Sieger der ebenso machtvollen wie friedlichen Revolte wurde Saakaschwili auf den Schild gehoben – als junger, im Westen ausgebildeter, liberaler Reformer, der das Land in die Nato und in die EU führen sollte. Doch auch die Romanze mit Saakaschwili hatte eine kurze Halbwertszeit.

Sein Regierungsstil wurde autoritärer, die Zahl der Korruptionsfälle und Skandale häufte sich. Die Wirtschaft befreite er zwar von vielen Fesseln, aber das starke Wachstum kam in der Bevölkerung nicht an. Damit war die Basis für die nächste Protestbewegung gelegt – und Saakaschwili der neue Buhmann. Mit einem brutalen Polizeieinsatz und der Verhängung des Ausnahmezustandes schien er sich in der Rolle des Autokraten einzurichten.

Doch gemach. Gestern lenkte Saakaschwili nach Mahnungen aus dem Ausland ein und setzte Neuwahlen an. Damit scheint er sein Schicksal in die Hand des Volkes zu legen – wie es sich für einen Demokraten gehört. Doch bevor wir diese Schublade schließen, sollten wir uns genauer anschauen, wie frei diese Wahlen werden.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik

Kommentare zu " Kommentare: Götterdämmerung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%