Gold
Verblichener Glanz

Kaum eine andere Anlage taugt besser zum Krisenbarometer als Gold – eigentlich. Der Preis steigt, wenn Gefahren drohen, er fällt, wenn wir uns in Sicherheit wähnen. Doch seit einigen Monaten ist diese Finanzmarktregel außer Kraft gesetzt. Neuerlicher Beleg dafür sind die versuchten Attentate auf Passagierflugzeuge in London.

Trotz neuer Terrorangst fiel der Goldpreis. Das Edelmetall „verkommt“ zu einem ganz normalen Spekulationsobjekt. Gold- und Aktienkurse entwickeln sich nicht mehr gegenläufig, sondern parallel.

Gold zieht seinen Wert daraus, dass es im Gegensatz zu Aktien, Anleihen und Geld nicht beliebig vermehrbar ist. Im Zeichen immer höherer Staatsverschuldung ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Vor diesem Hintergrund genießt Gold den Nimbus der Fluchtwährung. Sind Anleger verunsichert, weil Inflation das Geld zu entwerten droht und die Konjunktur sich abschwächt oder aber weil Terrorängste die Welt in Turbulenzen reißen, dann lockt Gold als verlässlicher Anker. Es ist die Ultima Ratio, wenn moderne Anlageformen zu versagen drohen, weil unvorhergesehene Ereignisse bisherige Erwartungen in Frage stellen. So geschehen nach dem Platzen der Technologieblase Anfang des Jahrtausends, den Bilanzskandalen großer Unternehmen und den Terroranschlägen auf die USA am 11. September 2001 und den Kriegsängsten am Golf 2003.

Umgekehrt verliert Gold an Attraktivität, wenn Investoren sich in Sicherheit wähnen und auf Anlagen stürzen, die schnellere Gewinne verheißen. Deutlich wurde das beim Zusammenbruch des Kommunismus nach dem Fall der Mauer, beim Konjunkturaufschwung Ende der Neunziger und in der anschließenden High-Tech-Euphorie, die den Glauben an grenzenloses Wachstum schürte.

Doch mit der neuerlichen Erholung der Weltwirtschaft in den vergangenen Jahren geriet dieses tradierte Bild ins Wanken, ja es kehrte sich um. Je länger gute Konjunkturzahlen weiteres Wachstum verheißen und Aktienkurse deshalb zulegen, desto stärker steigt gleichzeitig der Goldpreis. Umgekehrt fällt er zwischendurch, wenn Ängste aufkommen: sei es vor einem Platzen der Immobilienblase in den USA oder vor Attentaten der Terrororganisation El Kaida.

Die Ursache für die umgekehrte Preisreaktion liegt im Anlegerverhalten und der neuen Bedeutung des Edelmetalls. Seit fünf Jahren gewinnt es kontinuierlich an Wert. Erst zögerlich, seit einem Jahr immer schneller. Ein wichtiger Grund dafür ist die hohe Liquidität, mit der die Notenbanken weltweit die Finanzmärkte überschwemmten, indem sie die Zinsen weit gesenkt haben. Sich Geld leihen und in verschiedene Anlageformen zu investieren, kostet seit Jahren so wenig wie noch nie. Deshalb steigen Aktien, Anleihen, Immobilien, Kunstobjekte und Rohstoffe gleichzeitig im Wert. Das gab es noch nie.

War eine Unze Gold vor knapp einem Jahr noch für 450 Dollar zu haben, so kostete sie im Frühjahr mehr als 700 Dollar. Solch eine Rally weckt Begehrlichkeiten. Erstens bei spekulativen Anlegern. Sie stürzen sich auf das Edelmetall, seitdem es schnellere Gewinne verheißt als viele Aktien. Zweitens bei konservativen Anlegern. Stand Gold noch vor drei Jahren bei kaum einer Bank im Fokus, so rät heute fast jedes Haus zum Kauf. Zum einen weil es ständig an Wert gewinnt, zum anderen als Absicherung gegen einen Kursverfall anderer Anlagen. Schließlich erfüllte Gold diese Funktion in der Vergangenheit.

Die breite Wahrnehmung durch konservative und risikofreudige Anleger kehrt das Verhältnis um: Gold ist kein Schutz mehr vor Unvorhergesehenem, sondern eine spekulative Anlage. Käufer treiben den Preis und locken so immer neue Schichten an. Deshalb verlor Gold seinen Nimbus als „sicherer Hafen“.

Es wird ihn aber unter zwei Voraussetzungen zurückgewinnen können und sich dann wieder als Krisenbarometer eignen: erstens, wenn Investoren über weniger billiges Geld verfügen und deshalb nicht mehr alle Anlagen gleichzeitig an Wert gewinnen. Zweitens, wenn der schnelle Erfolg mit Gold ausbleibt, so dass Kurzfrist-Anleger wieder abspringen und damit das Bild nicht mehr verzerren. Weltweit steigende Zinsen und die enttäuschende Entwicklung des Goldpreises in den letzten Wochen ebnen dafür bereits den Weg.

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