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Goldrausch im Netz

Für 1,6 Milliarden Dollar haben die Gründer von Youtube, einer Webseite für Internet-Videos, ihr 20 Monate altes Miniunternehmen an Google verkauft, die größte Suchmaschine der Welt.

Jungunternehmer Chad Hurley verkündet pathetisch, damit seien „zwei Könige (des Internets) zusammengekommen“. Doch der Beobachter fragt sich unwillkürlich: Hat vielleicht einer der Könige keine Kleider an?

Youtube ist ein Phänomen, gefüllt mit schlecht belichteten Videos, auf denen Opas in den See fallen, Jugendliche Lieder gröhlen und begnadete Selbstdarsteller die Welt erklären. Manchmal unterirdisch schlecht und manchmal so genial, dass man den Hut ziehen muss. Das ist Reality-Show in Vollendung. Youtube befriedigt zwei Grundbedürfnisse – Neugier und Mitteilungsbedürfnis. Und darum ist sie so beliebt. 100 Millionen Videos werden täglich abgerufen. Youtube hat fast 50 Prozent Marktanteil, zig andere Videoseiten balgen sich um den Rest.

Aber ist das 1,6 Mrd. Dollar wert, obwohl niemand weiß, wie viel Umsatz dieses Geschäft überhaupt bringt und das die Gründer selber nur als „finanziell stabil“ bezeichnen? Google muss erst noch den Beweis antreten, dass die überzogen wirkende Summe angemessen ist.

Die Chancen sind zweifelsfrei da. Das zeigt die hohe Nachfrage speziell bei jugendlichen Nutzern, die lieber ins Internet gehen als vor den Fernseher. Die Märkte für elektronisch verbreitete Inhalte sind derzeit so volatil, dass nicht abzusehen ist, wer morgen die Gewinner und wer die Verlierer sein werden. Die TV-Anbieter wittern die Gefahr und versuchen hektisch, mit eigenen Videoseiten ihr Geschäft abzusichern.

Das heutige unkontrollierte und anarchische Youtube wird der Webgigant Google mit über 100 Milliarden Dollar Börsenwert deshalb schnell kommerzialisieren. Die gigantische Videodatenbank wird mit Google-Suchtechnologie übersichtlich werden, und Suchwortanzeigen werden Werbegelder einfahren. Mit Werbung versehene Musikvideos und TV-Shows locken Besucher auf die Seite.

Youtube könnte sogar Nachrichtenquelle einer ganzen Generation junger Webnutzer werden. Sind es nicht Sender wie CNN, die heute so genannte „Bürgerreporter“ geradezu anflehen, Videobotschaften aus Krisengebieten per E-Mail einzusenden, um sie dann auszustrahlen? Das verwackelte Bild hat Konjunktur, kommt „authentisch“ rüber – auch auf Youtube. Da bahnen sich neue Konkurrenzsituationen an, vor allem, wenn man Youtube nahtlos mit der Nachrichtenzentrale Google verzahnt. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Das Internet kehrt mit den Videoseiten zu seinen Ursprüngen zurück. Erst war es Kommunikation per E-Mail und Homepage, dann wurde es Marktplatz und jetzt wieder Kommunikation mit Bild und Ton. Diese Medienplattform ist mehr als eine neue Blase. Die Könige haben also Kleider an. Der eine ist mit Samt und Seide behängt, der andere trägt noch Jeans und Turnschuhe. Ob die einen Goldrand bekommen, werden die Nutzer entscheiden. Sie liefern schließlich alle Inhalte und werden mit der PC-Maus abstimmen, ob sie eine Kommerz-Youtube akzeptieren. Sonst sind sie weg – und des Königs Kleider gleich mit.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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