Golfstaaten
Gesünderes Tempo

Noch vor wenigen Wochen schwelgte die arabische Halbinsel im Gefühl, gegen die weltweite Finanzkrise immun zu sein. Viele glaubten, die Rohstoffnachfrage der asiatischen Schwellenländer spüle die Petrodollar automatisch in die Staatskassen und halte die eigene Konjunktur unter Dampf.

Diese Hoffnung auf Unverwundbarkeit erwies sich als Fata Morgana. Seit Juli brach der Ölpreis um zwei Drittel ein, die vom globalen Einbruch erfassten Börsen erleben einen Kurssturz nach dem anderen. Und die regionalen Banken ächzen seit dem Kapitalabzug internationaler Investoren unter einem massiven Liquiditätsengpass.

Vor allem Dubai, das Wachstums-wunderkind am Persischen Golf, geht derzeit durch eine heftige Korrekturphase. Dem völlig überhitzten Immobilienmarkt, der rund ein Drittel zum Bruttosozialprodukt beisteuert, fehlt plötzlich das Lebensmittel Cash. Spekulanten und Zocker, die sich mehrere Wohnungen auf Pump zugelegt haben, stehen unter Verkaufsdruck, die Preise fallen. Die Regierung von Dubai reagierte spät, aber nicht zu spät: Sie fusionierte die beiden größten Hypothekenbanken des Landes und dockte das neue Institut an das nationale Finanzministerium in Abu Dhabi an.

Das ist der erste Schritt zu einem institutionellen Rettungsschirm, dem möglicherweise weitere folgen. Damit wurde eine Art Länderfinanzausgleich gegründet. Die Märkte wissen nun definitiv, dass die Gelder des ölreichen Emirats Abu Dhabi bereitliegen, sollte es für das stark verschuldete Dubai eng werden. Der Glitzermetropole steht eine Atempause bevor: Das eine oder andere architektonische Luftschloss entfällt, der Bauboom wird vom spekulativen Überschwang befreit. Und das Wirtschaftswachstum von zuletzt 14 Prozent dürfte 2009 auf gesunde sechs bis neun Prozent schrumpfen. Ein neuer Sinn für Realismus und Nachhaltigkeit macht sich breit.

Auch die weitere Golfregion steht vor einer Neudefinition der Prioritäten. Die gigantischen Rohstoffeinnahmen der vergangenen Jahre hatten zu einem wahren Feuerwerk bei der Diversifizierung der Wirtschaft geführt. Neben Öl- und Gasanlagen schossen Petrochemiewerke aus dem Boden, florierten Handel, Tourismus und Dienstleistungen. Dieses Tempo wird aufgrund des Ölpreis-Verfalls zwangsläufig gedrosselt.

Zwischen Riad und Kuwait heißt es, dass strategisch wichtige Vorhaben weiter stattfinden, weniger relevante Projekte würden jedoch verzögert. So schätzt der Investitionsarm des saudi-arabischen Petrogiganten Aramco, dass die Golfstaaten zwischen 2009 und 2013 etwa ein Fünftel der erforderlichen Öl- und Gasfabriken über insgesamt 650 Milliarden Dollar streichen. Nach Angaben der US-Bank Morgan Stanley wird sich das Wachstum in der Region 2009 auf rund vier Prozent abschwächen, drei Prozentpunkte weniger als in diesem Jahr.

Trotz der Talfahrt beim Ölpreis herrscht unter den Finanzpolitikern am Golf keine Panik. Die nationalen Regierungen haben derzeit einen Durchschnittswert von 40 bis 50 Dollar pro Barrel einkalkuliert, der für ein ausgeglichenes Budget nötig ist. Für dieses Jahr taxiert das Institute of International Finance in Washington die Haushaltsüberschüsse der Region auf knapp 300 Milliarden Dollar. Hinzu kämen Währungsreserven von rund 540 Milliarden Dollar. Darüber hinaus verfügen die Staatsfonds am Golf über ein stattliches Gesamtvermögen, das vor dem Lehman-Crash auf etwa 1,6 Billionen Dollar veranschlagt wurde. Investmentbanker in Dubai haben keinen Zweifel: Sollte die Weltwirtschaft in eine schwere Depression abgleiten, öffnen die Scheichs ihre prallen Schatullen zur Stützung der heimischen Konjunktur.

Auch die deutschen Exportunternehmen spüren bislang keine Katerstimmung. An der "Big 5" in Dubai, der größten Baumesse im Mittleren Osten, beteiligen sich 380 deutsche Betriebe - ein neuer Rekord. Vor allem Nischenanbieter aus dem Mittelstand verzeichnen reges Kaufinteresse. Viele wollen aufstocken und sind auf der Suche nach dem geeigneten lokalen Partner. Von Januar bis einschließlich September stiegen die Ausfuhren aus Deutschland in die Golfstaaten immerhin um knapp 15 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Sollte die Weltwirtschaft tatsächlich abstürzen, so der Tenor bei den Ausstellern, würden die Lieferungen nach Arabien 2009 immer noch um sieben bis acht Prozent zulegen. Horrorszenarien sehen anders aus.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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