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Grenzen der Freiheit

Schweden wird erkennen müssen, dass wir nicht mehr in einer Welt sorgloser Kindergeschichten leben, sondern in der düsteren von Mankells Kommissar Wallander.

Ein Land ist im Schockzustand. Zum zweiten Mal innerhalb einer Generation ist mit Außenministerin Anna Lindh eine herausragende politische Persönlichkeit in Schweden ermordet worden. Die Tat weckt natürlich sofort Erinnerungen an den Mord an Schwedens ehemaligem Ministerpräsidenten Olof Palme im Februar 1986. Ein Land, das sich wegen seiner Offenheit, seiner Freiheitsliebe und seiner Unabhängigkeit oft selbst gerühmt hat, muss sich mit der traurigen Wahrheit auseinander setzen, dass es sich im Hinblick auf die eigene Gesellschaft wie auf die Rolle in Europa von Illusionen verabschieden muss.

Niemand weiß zum jetzigen Zeitpunkt, ob der Mord einen politischen Hintergrund hat. Unbestritten ist jedoch, dass das für diesen Sonntag anberaumte Referendum über die Einführung des Euros die Nation tief gespalten hat. Viele Schweden träumen noch von einer Sonderrolle in der EU und lehnen deshalb den Euro ab. Anna Lindh war dabei wohl die glühendste Befürworterin der Gemeinschaftswährung in ihrem Land. Nicht auszuschließen, dass sie ein Opfer ihrer Überzeugung geworden ist.

Ein Angriff auf die offene Gesellschaft dürfe keinen Erfolg haben, sagte Ministerpräsident Göran Persson, das Euro-Referendum werde wie geplant stattfinden. Ist dies aber ein Sieg der offenen Gesellschaft? Nein! Denn spätestens jetzt bestimmen unkalkulierbare Emotionen den Ausgang.

Schweden lebt immer noch mit dem Mythos vom idyllischen Bullerbü im Großformat. Doch der Begriff der offenen Gesellschaft muss klarer definiert werden: Der Einkaufsbummel von Spitzenpolitikern ohne Personenschutz ist kein Zeichen von Offenheit, sondern von Naivität. Ein Staat muss seine Politiker schützen, damit der demokratische Prozess nicht von einem Attentäter erschüttert werden kann. Denn dies und nicht Personenschutz gefährdet die offene Gesellschaft.

Schweden wird deshalb erkennen müssen, dass wir nicht mehr in einer Welt sorgloser Kindergeschichten leben, sondern in der düsteren von Mankells Kommissar Wallander. Das wäre der erste Schritt zur Verteidigung einer Gesellschaft, die offen sein kann und dennoch den notwendigen Schutz für ihre Bürger bietet. Zum Abschied von Bullerbü, zur Realitätsbewältigung würde auch gehören, sich mit allen Rechten und Pflichten der Euro-Zone anzuschließen.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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